
Viele Sammler übersehen Zeichnungen, weil sie den wahren Wert nicht erkennen können und fürchten, eine schlechte Investition zu tätigen.
- Die materielle Integrität einer Zeichnung – von der Papierfaser bis zur Montierung – ist oft wichtiger als der Künstlername allein.
- Einfache Werkzeuge und Kenntnisse über Lichtschäden, Papierarten und Drucktechniken ermöglichen es, Originale von wertlosen Reproduktionen zu unterscheiden.
Empfehlung: Entwickeln Sie einen „forensischen Blick“, um das verborgene Potenzial von Arbeiten auf Papier zu erkennen und selbst mit begrenztem Budget eine Sammlung von echtem Wert aufzubauen.
Der Kunstmarkt scheint oft ein exklusiver Club für Millionäre zu sein, in dem Gemälde für astronomische Summen den Besitzer wechseln. Doch im Schatten dieser Giganten verbirgt sich ein Segment, das von Kennern zutiefst geschätzt wird: die Zeichnung. Als unmittelbarste und ehrlichste Form des künstlerischen Ausdrucks bietet sie eine intime Verbindung zum Schöpfungsprozess. Für Sammler mit einem klugen Auge und begrenztem Budget stellt sie eine aussergewöhnliche Chance dar, authentische Originalwerke zu erwerben, deren Wert oft unterschätzt wird.
Die gängige Meinung besagt, man müsse auf grosse Namen oder gehypte Trends setzen. Doch dieser Ansatz übersieht das Wesentliche. Die wahre Kunst des Sammelns von Zeichnungen liegt nicht im Spekulieren, sondern im Verstehen. Es geht darum, eine Expertise zu entwickeln, die über den Namen auf der Signatur hinausgeht und die physische Realität des Kunstwerks erfasst: die Qualität des Papiers, die Spuren des Werkzeugs, die Anzeichen von Alter und die Sorgfalt der Konservierung. Dies ist der forensische Blick, der einen einfachen Käufer von einem echten Sammler unterscheidet.
Doch wie entwickelt man diesen Blick? Wie schützt man eine fragile Papierarbeit vor den unsichtbaren Gefahren von Licht und falscher Rahmung? Woran erkennt man, ob man ein einzigartiges Original oder nur einen clever gemachten Druck vor sich hat? Dieser Leitfaden ist Ihre Ausbildung zum Papier-Experten. Wir tauchen tief in die materiellen und konservatorischen Aspekte ein, die den wahren und dauerhaften Wert einer Zeichnung ausmachen. Vergessen Sie die oberflächlichen Markt-Tipps. Hier lernen Sie, zu sehen, was andere übersehen.
Dieser Artikel führt Sie schrittweise durch die entscheidenden Aspekte der Bewertung und Konservierung von Arbeiten auf Papier. Vom Schutz vor Umwelteinflüssen über die richtige Montage bis hin zur Identifizierung von Originalen und Fälschungen – jeder Abschnitt stattet Sie mit dem nötigen Fachwissen aus.
Inhaltsverzeichnis: Der Weg zum sachkundigen Zeichnungssammler
- Warum Sie Zeichnungen niemals dauerhaft hängen lassen dürfen (50-Lux-Regel)
- Wie befestigen Sie eine Zeichnung im Passepartout, ohne Klebstoffschäden zu verursachen?
- Wie erkennen Sie mit der Lupe, ob der Strich gezeichnet oder gedruckt ist?
- Lassen oder waschen: Wann ist eine chemische Behandlung von Papierflecken ratsam?
- Welche jungen Künstler revolutionieren gerade das Medium Zeichnung?
- Warum Titanweiss auf einem angeblichen Tizian-Gemälde sofort Alarm auslösen muss
- Können Stockflecken entfernt werden, ohne die Papierstruktur zu beschädigen?
- Wie unterscheiden Sie einen hochwertigen Originaldruck von einem wertlosen Poster?
Warum Sie Zeichnungen niemals dauerhaft hängen lassen dürfen (50-Lux-Regel)
Die grösste Bedrohung für jede Arbeit auf Papier ist unsichtbar, still und in jedem Raum vorhanden: Licht. Anders als ein Ölgemälde, dessen Pigmente in einem schützenden Bindemittel gebunden sind, sind die Fasern und Farben einer Zeichnung dem Licht schutzlos ausgeliefert. UV-Strahlung und sichtbares Licht lösen photochemische Reaktionen aus, die das Papier vergilben, brüchig werden lassen und empfindliche Farben unwiederbringlich ausbleichen. Dieser Schaden ist kumulativ und irreversibel – jede Stunde im Licht addiert sich zur Zerstörung.
Aus diesem Grund haben sich in der Museumswelt strenge Standards etabliert. Die wichtigste Regel ist die 50-Lux-Regel. Sie besagt, dass besonders empfindliche Objekte wie Zeichnungen oder Aquarelle niemals einer Beleuchtungsstärke von mehr als 50 Lux ausgesetzt werden dürfen. Zum Vergleich: Ein sonniger Platz am Fenster kann leicht 50.000 Lux erreichen, ein gut beleuchteter Büroraum hat oft 500 Lux. Fachleute gehen sogar noch weiter und empfehlen, dass die Exposition auf 50 Lux für maximal drei Monate beschränkt sein sollte, gefolgt von einer längeren Ruhephase in völliger Dunkelheit.
Für einen Sammler bedeutet das: Hängen Sie Ihre wertvollen Zeichnungen niemals an eine Wand, die direktes Sonnenlicht erhält. Aber auch indirektes Tageslicht und künstliche Beleuchtung sind schädlich. Die beste Praxis ist eine Rotationsstrategie. Präsentieren Sie ein Werk für eine begrenzte Zeit und lagern Sie es dann in einer säurefreien Mappe an einem dunklen, klimatisch stabilen Ort. So bewahren Sie die materielle Integrität und den Wert Ihres Kunstwerks für zukünftige Generationen.
Ihr Aktionsplan für den Lichtschutz zu Hause
- Licht messen: Besorgen Sie sich ein Luxmeter oder eine entsprechende App für Ihr Smartphone, um die genaue Lichtbelastung an der geplanten Hängung zu ermitteln. Führen Sie Messungen zu verschiedenen Tageszeiten durch.
- Risikozonen identifizieren: Dokumentieren Sie alle Bereiche, an denen die Beleuchtungsstärke dauerhaft 50 Lux übersteigt. Dies sind Tabuzonen für Ihre Papierarbeiten.
- UV-Schutzglas installieren: Rahmen Sie Ihre Zeichnungen ausschliesslich mit hochwertigem Museumsglas, das über 99 % der schädlichen UV-Strahlung filtert. Deutsche Hersteller wie die Schott AG bieten hierfür spezialisierte Produkte an.
- Beleuchtung steuern: Verwenden Sie für die künstliche Beleuchtung LEDs ohne UV-Anteil und dimmen Sie diese auf das niedrigste ästhetisch vertretbare Niveau. Bewegungsmelder können die Gesamtbelastungszeit drastisch reduzieren.
- Rotation planen: Erstellen Sie einen Kalender, um Ihre Zeichnungen alle paar Monate auszutauschen. So geniessen Sie Ihre Sammlung, ohne sie zu gefährden.
Wie befestigen Sie eine Zeichnung im Passepartout, ohne Klebstoffschäden zu verursachen?
Nachdem Sie Ihr Kunstwerk vor Licht geschützt haben, folgt die nächste kritische Phase der Konservierung: die Montage. Eine unsachgemässe Befestigung kann ein Werk ebenso ruinieren wie direktes Sonnenlicht. Der häufigste Fehler ist die Verwendung von Klebstoffen, Klebebändern oder das direkte Ankleben des Blattes an den Rückkarton („Kaschieren“). Diese Methoden sind fast immer irreversibel und führen zu verheerenden Schäden: Säure wandert vom Klebstoff ins Papier, verursacht braune Flecken, und bei klimatischen Schwankungen kann das festgeklebte Papier reissen, da es sich nicht mehr natürlich ausdehnen und zusammenziehen kann.
Ein von einem VDR-zertifizierten Papierrestaurator begutachteter Schaden durch falsche Montage kann den Wert einer Zeichnung halbieren. Die oberste Regel der konservatorischen Einrahmung lautet daher: Die Montage muss vollständig reversibel sein. Das Kunstwerk darf zu keinem Zeitpunkt in seiner Bewegungsfreiheit eingeschränkt oder mit chemisch instabilen Materialien in Kontakt gebracht werden. Professionelle Restauratoren verwenden daher ausschliesslich Scharnier-Montagen mit säurefreien Materialien. Dabei wird das Blatt mit kleinen „Scharnieren“ aus Japanpapier und einem reversiblen, alterungsbeständigen Klebstoff (wie Weizenstärkekleister) am oberen Rand am Rückkarton oder im Passepartout befestigt. So kann es „atmen“ und hängt frei.

Ein ebenso wichtiger Aspekt ist die Wahl des Passepartouts selbst. Es dient nicht nur der Ästhetik, sondern auch als Abstandhalter zwischen Glas und Kunstwerk und als chemischer Puffer. Die Wahl des falschen Materials kann fatale Folgen haben. Hier ist es entscheidend, den Unterschied zwischen gepufferten und ungepufferten Kartons zu kennen, die beide ihre Berechtigung haben.
Die folgende Tabelle, basierend auf Empfehlungen von Experten wie dem deutschen Qualitätshersteller Halbe-Rahmen, zeigt, wann welches Material die richtige Wahl ist, um die materielle Integrität Ihrer Kunst zu gewährleisten.
| Eigenschaft | Gepufferte Passepartouts | Ungepufferte Passepartouts |
|---|---|---|
| pH-Wert | Alkalisch (pH 8-9) | Neutral (pH 7) |
| Geeignet für | Die meisten Papierarbeiten, Druckgrafiken | Cyanotypien, Blaupausen, Albuminfotografien |
| Schutzwirkung | Neutralisiert Säuren aus der Umgebung | Keine chemische Reaktion mit empfindlichen Medien |
| Zertifizierung | DIN ISO 9706 | PAT-Test nach ISO 18916:2007 |
Wie erkennen Sie mit der Lupe, ob der Strich gezeichnet oder gedruckt ist?
Sie stehen in einer Galerie vor einer reizvollen Arbeit auf Papier. Der Preis scheint fair für eine Originalzeichnung. Doch ist es wirklich ein Unikat? Oder handelt es sich um eine hochwertige Reproduktion? Diese Frage ist für einen Sammler fundamental, denn sie entscheidet über Wert und Wertlosigkeit. Der „forensische Blick“ beginnt hier, mit einer 10-fach vergrössernden Uhrmacherlupe. Unter der Lupe offenbart das Papier Geheimnisse, die dem blossen Auge verborgen bleiben.
Eine Originalzeichnung zeigt die physische Interaktion des Werkzeugs mit dem Papier. Ein Bleistiftstrich besteht aus unregelmässigen Graphitpartikeln, die auf den Papierfasern haften. Ein Federstrich in Tusche zeigt oft eine leichte Quellung an den Rändern und variiert in der Dichte. Im Gegensatz dazu werden die meisten Drucke durch ein Raster erzeugt. Ein Offset-Druck, wie er für Poster verwendet wird, löst das Bild in ein Muster aus winzigen, regelmässigen Punkten in den Grundfarben auf. Ein moderner Tintenstrahldruck (Giclée) besteht aus mikroskopisch kleinen, versprühten Farbpunkten, die oft einen leicht diffusen „Sprühnebel“ am Rand der Linien aufweisen.
Gerade bei Werken des deutschen Expressionismus kann die Unterscheidung schwierig sein. Wie das Monopol Magazin hervorhebt, werden bei Künstlern wie Kirchner und Nolde Grafiken und Zeichnungen oft verwechselt, da ihre Holzschnitte eine ähnlich kraftvolle Linienführung aufweisen können. Hier helfen weitere Tests. Bei einer Radierung (einem Tiefdruckverfahren) presst die Druckplatte einen sicht- und fühlbaren Rand ins Papier, die sogenannte Plattenkante. Ein Holzschnitt (Hochdruck) zeigt oft eine leichte Prägung der Linien ins Papier. Diese physischen Merkmale fehlen bei einem Fotodruck völlig.
Checkliste: Original oder Druck?
- 10-fache Vergrösserung: Suchen Sie nach unregelmässigen Partikeln (Zeichnung) oder einem regelmässigen Punkt- oder Sprühmuster (Druck).
- Papierstruktur prüfen: Handgeschöpftes Büttenpapier hat eine lebendige, unregelmässige Faserstruktur. Industriepapier ist glatt und uniform.
- Plattenkante fühlen: Fahren Sie vorsichtig mit dem Fingernagel am Bildrand entlang. Eine spürbare Vertiefung (der Plattenrand) ist ein klares Zeichen für eine Radierung oder einen Kupferstich.
- Rückseite untersuchen: Manchmal drücken sich bei Hochdruckverfahren wie dem Holzschnitt die Linien leicht auf die Rückseite durch.
- Glanzgrad vergleichen: Halten Sie das Blatt schräg gegen das Licht. Gedruckte Flächen haben oft einen einheitlichen, leicht satinartigen Glanz, während ein Zeichenstrich je nach Material (Graphit, Kohle) matt erscheint.
Lassen oder waschen: Wann ist eine chemische Behandlung von Papierflecken ratsam?
Früher oder später wird jeder Sammler mit dieser Frage konfrontiert: Ein wunderbares Blatt, doch es wird von unschönen braunen Flecken, einer allgemeinen Vergilbung oder einem alten Wasserrand beeinträchtigt. Der Impuls, diesen Makel zu beseitigen, ist verständlich. Doch eine unsachgemässe Behandlung kann den endgültigen Ruin bedeuten. Die Entscheidung zwischen „konservieren“ (den Zustand erhalten) und „restaurieren“ (aktiv eingreifen) ist eine der schwierigsten im Sammlerleben und sollte niemals leichtfertig getroffen werden.
Die Konservierung hat zum Ziel, den Ist-Zustand zu stabilisieren und weiteren Verfall zu stoppen. Dazu gehören Massnahmen wie die Trockenreinigung mit speziellen Radiergummis, die Glättung von Knicken oder die Unterbringung in einer schützenden, klimatisch stabilen Umgebung. Diese Massnahmen sind immer die erste Wahl und in der Regel reversibel. Die Restaurierung hingegen ist ein aktiver, oft chemischer Eingriff in die Substanz des Werks. Dazu gehören das Wässern zur Entsäuerung, das Bleichen von Flecken oder das Anfasern von Fehlstellen. Solche Eingriffe sind oft nur teilweise reversibel und bergen erhebliche Risiken.
Die Entscheidung hängt von mehreren Faktoren ab: dem Wert des Werks, seiner historischen Bedeutung und der Art des Schadens. Bei einem historisch bedeutsamen Dokument können Altersspuren (die „Patina“) Teil seiner Geschichte und Authentizität sein und sollten erhalten bleiben. Bei einem rein ästhetisch wertvollen Kunstwerk kann die Entfernung eines störenden Flecks den Genuss und den Wert hingegen steigern. Grundsätzlich gilt: Jeder Eingriff, der über eine simple Trockenreinigung hinausgeht, gehört ausnahmslos in die Hände eines diplomierten, VDR-zertifizierten Papierrestaurators.
Die folgende von professionellen Restauratoren wie MARERA Conservation inspirierte Gegenüberstellung hilft bei der grundlegenden Einordnung, ob eine Restaurierung überhaupt in Betracht gezogen werden sollte.
| Kriterium | Restaurieren (aktive Behandlung) | Konservieren (Erhaltung des Ist-Zustands) |
|---|---|---|
| Wert des Werks | > 500 € | < 500 € |
| Historische Bedeutung | Ästhetik wichtiger als Patina | Altersspuren als Teil der Geschichte |
| Behandlungsmethoden | Wässerung, Bleiche, Neutralisierung | Trockenreinigung, klimatische Stabilisierung |
| Reversibilität | Teilweise irreversibel | Vollständig reversibel |
Welche jungen Künstler revolutionieren gerade das Medium Zeichnung?
Nachdem wir die Grundlagen der Konservierung und Authentifizierung gemeistert haben, wenden wir unseren Blick dem lebendigen Markt zu. Wo liegt heute das grösste Potenzial? Während die Werke etablierter Meister oft unerschwinglich sind, bietet der Markt für junge, aufstrebende Künstler spannende Möglichkeiten für Sammler mit begrenztem Budget. Die Zeichnung erlebt hier eine Renaissance. Sie wird nicht mehr nur als Skizze oder Vorstudie gesehen, sondern als eigenständiges, experimentelles und oft monumentales Medium.
Junge Künstler sprengen die Grenzen des traditionellen Formats. Sie arbeiten mit ungewöhnlichen Materialien, kombinieren Graphit mit digitalen Elementen, erstellen raumgreifende Installationen aus Papier oder nutzen die Zeichnung für politische und soziale Kommentare. Laut aktuellen Analysen des Kunstmarktes ist das Segment der „Ultra-Contemporary Art“ – also von Künstlern unter 40 – eines der dynamischsten überhaupt. Hier zu investieren bedeutet, Teil einer künstlerischen Entwicklung zu werden und einen Künstler von Beginn seiner Karriere an zu begleiten.

Um vielversprechende Talente zu entdecken, sind Hochschul-Rundgänge, Absolventenausstellungen und Förderpreise die besten Anlaufstellen. In Deutschland bieten Städte wie Leipzig, Berlin, Düsseldorf und München mit ihren Kunstakademien ein reiches Entdeckungsfeld.
Fallbeispiel: Förderpreis „Perspektiven 2024“ in München
Ein hervorragendes Beispiel für die Entdeckung junger Talente ist der Förderpreis „Perspektiven 2024“ des Kunstclub 13 in München. Die nominierten Künstlerinnen zeigen, wie vielfältig das Medium Zeichnung heute interpretiert wird. Marjan Baniasadi (*1993), die zwischen Malerei und Textilkunst arbeitet, nutzt Motive des Perserteppichs für ihre grafischen Erkundungen. Marile Holzner (*1983) hingegen lotet in ihren Zeichnungen und Skulpturen das fragile Verhältnis zwischen Körper und Material aus. Der Besuch solcher Preisverleihungen und der anschliessende Kontakt zu den Künstlern oder ihren Galerien ist ein idealer Weg, um frühzeitig qualitativ hochwertige und noch erschwingliche Werke zu erwerben.
Warum Titanweiss auf einem angeblichen Tizian-Gemälde sofort Alarm auslösen muss
Der forensische Blick ist nirgendwo so entscheidend wie bei der Entlarvung von Fälschungen. Ein Fälscher kann zwar den Stil eines alten Meisters perfekt imitieren, doch er kann die Zeit nicht zurückdrehen. Fast immer verrät ihn ein anachronistisches Detail – die Verwendung eines Materials, das zur Entstehungszeit des angeblichen Kunstwerks noch gar nicht existierte. Die Pigmentanalyse ist hier ein klassisches Werkzeug der Kunstwissenschaft.
Das titelgebende Beispiel macht es deutlich: Titanweiss, das heute am weitesten verbreitete Weisspigment, wurde erst ab 1916 industriell hergestellt. Ein Tizian, der im 16. Jahrhundert lebte, hätte ausschliesslich Bleiweiss verwenden können. Der Nachweis von Titanweiss auf einem angeblichen Tizian ist also ein unwiderlegbarer Beweis für eine Fälschung oder eine sehr späte, massive Übermalung. Das Gleiche gilt für viele andere Pigmente wie Kobaltblau (entdeckt 1802) oder die gesamte Palette synthetischer Acrylfarben (entwickelt ab den 1950er Jahren).
Bei Zeichnungen sind es oft das Papier oder die Zeichenwerkzeuge, die den Anachronismus verraten. Papier wurde in Europa bis ca. 1800 ausschliesslich per Hand aus Lumpen (Hadern) geschöpft. Dieses Büttenpapier hat eine charakteristische Struktur mit sichtbaren Siebspuren und oft einem Wasserzeichen, das der Papiermühle zugeordnet werden kann. Das Germanische Nationalmuseum in Nürnberg beispielsweise verfügt über riesige Datenbanken, um Wasserzeichen auf Zeichnungen Alter Meister wie Albrecht Dürer zu datieren. Erst im 19. Jahrhundert kam maschinell hergestelltes Papier aus Holzschliff auf, das eine viel gleichmässigere Struktur hat und chemisch instabiler ist. Eine angebliche Zeichnung aus dem 17. Jahrhundert auf Maschinenpapier ist also eine Fälschung.
Können Stockflecken entfernt werden, ohne die Papierstruktur zu beschädigen?
Stockflecken (englisch: „foxing“) sind der Albtraum vieler Papiersammler. Diese kleinen, rostbraunen oder gelblichen Punkte und Flecken scheinen aus dem Nichts aufzutauchen und können eine ansonsten makellose Zeichnung empfindlich stören. Sie entstehen durch eine Kombination aus hoher Luftfeuchtigkeit und mikroskopisch kleinen Eisenpartikeln im Papier, die oxidieren, oder durch Schimmelpilz-Aktivität. Sie sind ein klares Zeichen dafür, dass das Kunstwerk in der Vergangenheit schlechten klimatischen Bedingungen ausgesetzt war.
Die Frage, ob man sie entfernen kann, ist komplex. Ja, es ist technisch möglich, aber es ist einer der heikelsten Eingriffe in der Papierrestaurierung. Die Behandlungsmethoden reichen von lokalen Anwendungen mit speziellen Gels bis hin zu einem Vollbad in einer kontrollierten Bleichlösung. Das Problem: Jede dieser Methoden birgt das Risiko, die Papierstruktur zu schwächen, die Originalfarben zu verändern oder die Tinte des Künstlers anzugreifen. Ein unsachgemässer Versuch, Stockflecken selbst zu entfernen – etwa mit Haushaltsbleiche – führt unweigerlich zur Zerstörung des Werks.
Deshalb ist die Expertise eines Fachmanns hier nicht nur empfohlen, sondern absolut zwingend. Wie die renommierte Buch- und Papierrestauratorin Aniela Bez betont:
Eine Restaurierung sollte immer von ausgebildeten Restauratoren durchgeführt werden, die Mitglied im Berufsverband VDR oder IADA sind.
– Aniela Bez, Buch- & Papierrestaurierung
Ein qualifizierter Restaurator wird zunächst eine genaue Analyse des Papiers, der Pigmente und der Art der Flecken durchführen. Er wird die Risiken abwägen und nur dann eine Behandlung vorschlagen, wenn der ästhetische Gewinn das Risiko überwiegt. In vielen Fällen, besonders wenn die Flecken minimal sind und die Stabilität des Werks nicht gefährden, ist die beste Entscheidung, sie als Teil der Geschichte des Objekts zu akzeptieren und stattdessen für optimale Lagerbedingungen zu sorgen, um ihre Ausbreitung zu verhindern. Konservierung geht immer vor Restaurierung.
Das Wichtigste in Kürze
- Der Schutz ist entscheidend: Die 50-Lux-Regel und eine reversible, säurefreie Montage sind die Grundpfeiler des Werterhalts jeder Arbeit auf Papier.
- Der forensische Blick zählt: Mit einer Lupe und dem Wissen um Papierarten und Drucktechniken können Sie Originale von Reproduktionen und Fälschungen unterscheiden.
- Expertise ist unersetzlich: Bei Schäden wie Stockflecken oder der Entscheidung zur Restaurierung ist die Konsultation eines VDR-zertifizierten Restaurators unerlässlich, um irreversible Schäden zu vermeiden.
Wie unterscheiden Sie einen hochwertigen Originaldruck von einem wertlosen Poster?
Der Begriff „Druck“ ist dehnbar und führt oft zu Verwirrung. Er kann alles von einem millionenschweren Holzschnitt Albrecht Dürers bis zu einem 10-Euro-Poster aus dem Museumsshop bedeuten. Für einen Sammler ist es jedoch entscheidend, eine Originalgrafik von einer reinen Reproduktion zu unterscheiden. Eine Originalgrafik ist ein Kunstwerk, das vom Künstler selbst oder unter seiner direkten Aufsicht in einer limitierten Auflage hergestellt wurde. Die Druckplatte (z.B. Holzstock, Kupferplatte, Lithostein) wurde vom Künstler selbst bearbeitet. Eine Reproduktion hingegen ist eine fotomechanische Kopie eines bereits existierenden Werks (z.B. eines Gemäldes oder einer Zeichnung) in unlimitierter Auflage.
Eine Originalgrafik erkennen Sie an einer Kombination von Merkmalen. Das wichtigste ist die handschriftliche Signatur des Künstlers, meist mit Bleistift in der unteren rechten Ecke. Links davon befindet sich typischerweise die Nummerierung der Auflage, z.B. „23/100“. Das bedeutet, es ist der 23. Abzug einer Gesamtauflage von 100 Exemplaren. Je kleiner die Auflage, desto seltener und potenziell wertvoller ist der Druck.
Achten Sie auf besondere Vermerke. Ein „e.a.“ (épreuve d’artiste) oder „h.c.“ (hors commerce) kennzeichnet einen Künstlerabzug, der ausserhalb der nummerierten Auflage für den Künstler selbst gedruckt wurde. Wie das Bewertungsportal Artvise.me feststellt, kann ein „Probedruck“ oder ein Exemplar „e.a.“ auf einer Auktion in Deutschland einen höheren Preis erzielen als ein normaler Abzug aus der Auflage, da er als dem Künstler näherstehend gilt. Weitere Qualitätsmerkmale sind hochwertiges Büttenpapier mit Wasserzeichen oder der Prägestempel einer renommierten deutschen Druckwerkstatt aus Berlin, Leipzig oder München.
Checkliste zur Identifizierung von Originalgrafik
- Signatur prüfen: Ist sie handschriftlich mit Bleistift (oft leicht ins Papier gedrückt) oder Teil des Drucks?
- Nummerierung suchen: Findet sich in der unteren linken Ecke eine Nummerierung im Format „x/y“?
- Besondere Vermerke identifizieren: Achten Sie auf Kennzeichnungen wie „e.a.“, „h.c.“ oder „Probedruck“.
- Papier analysieren: Hochwertiges Büttenpapier mit unregelmässigen Rändern und eventuell einem Wasserzeichen deutet auf Qualität hin.
- Druckmerkmale untersuchen: Ist eine Plattenkante (Tiefdruck) oder eine leichte Prägung (Hochdruck) spürbar? Suchen Sie mit der Lupe nach Rasterpunkten (Zeichen einer Reproduktion).
- Prägestempel finden: Manchmal findet sich ein unauffälliger Prägestempel einer bekannten Druckerei oder eines Verlegers.
Häufige Fragen zur Bewertung und Konservierung von Zeichnungen
Warum ist modernes Papier bei einer Zeichnung aus dem 18. Jahrhundert verdächtig?
Papier vor etwa 1800 wurde ausschliesslich von Hand aus Textilfasern (Hadern) geschöpft und zeigt charakteristische Siebstrukturen sowie oft ein Wasserzeichen der Papiermühle. Maschinenpapier aus Holzschliff, das eine sehr gleichmässige Oberfläche hat, wurde erst im 19. Jahrhundert erfunden und ist daher ein klarer Anachronismus.
Welche modernen Materialien verraten Fälschungen?
Neben modernem Papier sind es oft die Zeichenmaterialien selbst. Filzstiftspuren (z.B. von einem Edding) auf einer angeblichen Bauhaus-Zeichnung der 1920er Jahre sind ein klares Indiz für eine Fälschung, da Filzstifte erst ab den 1960er Jahren weite Verbreitung fanden. Auch bestimmte synthetische Pigmente können mittels Analyse einer späteren Entstehungszeit zugeordnet werden.
Wie unterscheidet man Büttenpapier von Industriepapier?
Handgeschöpftes Büttenpapier hat eine unregelmässige, „lebendige“ Faserstruktur. Hält man es gegen das Licht, sind oft die feinen Linien des Schöpfsiebs zu erkennen. Die Ränder sind oft faserig und ungleichmässig (der Büttenrand). Industriepapier hingegen hat eine vollkommen glatte, uniforme Oberfläche und scharf geschnittene Kanten.