Veröffentlicht am Mai 18, 2024

Eine Lücke in der Provenienz eines Kunstwerks zwischen 1933 und 1945 ist kein neutraler Fakt, sondern ein aktiver Aufruf zur ethischen Verantwortung.

  • Proaktive Forschung in Datenbanken wie Lost Art ist nicht nur eine Option, sondern der erste Schritt zur Klärung Ihrer Sorgfaltspflicht.
  • Transparenz über ungeklärte Herkünfte ist kein Makel, sondern stärkt die Integrität und den langfristigen Wert Ihrer Sammlung.

Empfehlung: Behandeln Sie die lückenlose Provenienz nicht als bürokratische Hürde, sondern als wesentliches Qualitätsmerkmal, das den materiellen und ideellen Wert Ihrer Kunstwerke sichert.

Der Moment, in dem ein Sammler oder Kurator auf eine Unstimmigkeit stösst, ist oft leise. Ein vergilbtes Etikett auf der Rückseite eines Gemäldes, ein fehlender Eintrag im Auktionskatalog aus den 1930er Jahren, ein Name in der Eigentümerliste, der Fragen aufwirft. Dieser leise Verdacht – könnte dieses Objekt NS-Raubkunst sein? – markiert den Beginn einer komplexen und oft emotionalen Reise. Viele reagieren mit Unsicherheit oder der Hoffnung, das Problem möge sich durch Ignorieren von selbst lösen. Man hört oft den Rat, schlafende Hunde nicht zu wecken oder sich auf juristische Verjährungsfristen zu berufen. Doch diese Herangehensweise ignoriert die tiefere Dimension des Problems, die weit über das rein Rechtliche hinausgeht.

Die entscheidende Frage ist nicht, wie man einen möglichen Rechtsstreit vermeidet, sondern wie man seiner historischen und ethischen Verantwortung gerecht wird. Es geht darum, die Denkweise zu ändern: von einer passiven Verwaltung des Besitzes hin zu einer aktiven, investigativen Untersuchung der Objektbiografie. Eine Lücke in der Provenienz ist kein Kavaliersdelikt, sondern ein rotes Tuch, das eine sorgfältige und methodische Aufklärung erfordert. Dieser Artikel ist kein juristisches Kompendium, sondern ein strategischer Leitfaden. Er zeigt Ihnen, wie Sie als Sammler oder Museumsmitarbeiter denken und handeln können – von der initialen Recherche über den Umgang mit Transparenz bis hin zur ethisch fundierten Entscheidungsfindung.

Dieser Leitfaden führt Sie durch die entscheidenden Fragen und Handlungsoptionen, die sich bei einem Verdacht auf Raubkunst stellen. Er bietet eine klare Struktur, um von der Unsicherheit zur informierten Aktion zu gelangen und die Integrität Ihrer Sammlung zu wahren.

Wie recherchieren Sie effektiv nach NS-Raubgut, bevor Sie ein Werk ankaufen?

Die effektivste Methode, mit dem Verdacht auf Raubkunst umzugehen, ist, ihn von vornherein zu vermeiden. Dies erfordert eine proaktive und investigative Haltung bereits vor dem Ankauf. Betrachten Sie die Provenienzforschung nicht als optionale Zusatzaufgabe, sondern als integralen Bestandteil der Kaufprüfung. Jede Lücke in der Eigentümergeschichte, insbesondere in der kritischen Zeit von 1933 bis 1945, muss als Warnsignal verstanden werden. Ein Verkäufer, der hierzu keine plausiblen oder dokumentierten Angaben machen kann oder will, ist kein seriöser Geschäftspartner. Die Verantwortung, die Herkunft eines Werkes zu klären, liegt letztlich beim Käufer. Diese Sorgfaltspflicht ist nicht nur eine ethische Notwendigkeit, sondern auch ein entscheidender Faktor für die Werterhaltung des Objekts.

Die Bundesregierung und spezialisierte Institutionen bieten umfangreiche Ressourcen, um diese Recherche zu unterstützen. Die staatliche Förderung in diesem Bereich ist erheblich und unterstreicht die nationale Bedeutung des Themas. So wurden laut Angaben des Deutschen Zentrums Kulturgutverluste in Deutschland seit 2008 rund 50,8 Millionen Euro für 445 Projekte zur Provenienzforschung bereitgestellt. Diese Investition hat eine Fülle von digitalisierten Daten und Forschungsergebnissen geschaffen, die für jeden zugänglich sind. Die Nutzung dieser Werkzeuge ist ein Minimum an Sorgfalt, das von jedem ernsthaften Akteur auf dem Kunstmarkt erwartet wird.

Praktische Checkliste zur Provenienzrecherche vor dem Kunstankauf

  1. Überprüfen Sie das Werk in der Lost Art-Datenbank des Deutschen Zentrums Kulturgutverluste – die zentrale Dokumentationsstelle für NS-Raubkunst.
  2. Konsultieren Sie die Proveana-Forschungsdatenbank für detaillierte Provenienzinformationen und Forschungsergebnisse.
  3. Prüfen Sie Auktionskataloge der Universitätsbibliothek Heidelberg aus den Jahren 1933-1945.
  4. Fordern Sie vom Verkäufer eine lückenlose Eigentümerkette mit Dokumentation für die Jahre 1933-1945.
  5. Ziehen Sie bei Verdachtsmomenten spezialisierte Provenienzforscher oder Anwaltskanzleien hinzu.

Ein methodisches Vorgehen schützt nicht nur vor finanziellen Verlusten und Reputationsschäden, sondern ist ein Akt der historischen Verantwortung. Jede geklärte Provenienz trägt zur Heilung von Wunden bei, die der Nationalsozialismus auf dem Kultursektor hinterlassen hat.

Rückgabe oder Leihgabe: Welche Lösungen gibt es für koloniale Objekte in kleinen Museen?

Die Debatte um Raubkunst beschränkt sich nicht auf die NS-Zeit. Zunehmend rücken auch Objekte aus kolonialen Kontexten in den Fokus, die sich in deutschen Museen befinden. Für kleinere Häuser mit begrenzten Ressourcen stellt sich oft die Frage nach dem richtigen Umgang. Die Entscheidung ist selten ein einfaches Entweder-oder zwischen Behalten und Zurückgeben. Vielmehr entwickelt sich ein Spektrum an kooperativen Lösungen, die über die reine Restitution hinausgehen. Dazu gehören Dauerleihgaben, gemeinsame Forschungsprojekte, digitale Repatriierung oder Wanderausstellungen, die in beiden Ländern gezeigt werden. Der Schlüssel liegt im Dialog auf Augenhöhe mit den Herkunftsgesellschaften und -institutionen.

Anstatt Restitution als Verlust zu betrachten, sehen viele deutsche Institutionen sie mittlerweile als Chance für eine neue Form der internationalen Kulturkooperation. Diese Partnerschaften ermöglichen einen unschätzbaren Wissenstransfer und schaffen die Basis für faire und gerechte Lösungen, die den Interessen beider Seiten dienen.

Pilotprojekte deutscher Museen zur kooperativen Provenienzforschung

Das Deutsche Zentrum Kulturgutverluste fördert seit 2015 innovative Kooperationsmodelle zwischen deutschen Museen und Herkunftsländern. Beispielprojekte umfassen das Linden-Museum Stuttgart und das Rautenstrauch-Joest-Museum Köln, die gemeinsam mit Institutionen in Namibia und Nigeria an der Provenienzforschung arbeiten. Diese Partnerschaften ermöglichen den Wissenstransfer und schaffen Grundlagen für faire Restitutionslösungen.

Die feierliche Zeremonie einer Rückgabe ist oft der sichtbare Endpunkt eines langen Prozesses, der von Respekt, Dialog und gemeinsamer Forschungsarbeit geprägt ist. Sie symbolisiert einen Wandel im Selbstverständnis europäischer Museen.

Feierliche Übergabezeremonie von Kulturobjekten in einem deutschen Museum

Solche Ereignisse zeigen, dass die Auseinandersetzung mit der eigenen Sammlungsgeschichte nicht zu leeren Vitrinen führen muss, sondern zu einer ethisch fundierten und global vernetzten Museumsarbeit führen kann. Die Frage ist nicht mehr ob, sondern wie diese Kooperationen gestaltet werden.

Letztendlich geht es darum, eine Beziehung zum Objekt und seiner Geschichte aufzubauen, die über den reinen Besitz hinausgeht und seine kulturelle Bedeutung für die Herkunftsgesellschaft anerkennt.

Warum Sie sich bei Raubkunst nicht auf Verjährungsfristen ausruhen sollten

Ein häufiges Missverständnis im Umgang mit NS-Raubkunst ist der Glaube, dass nach über 75 Jahren zivilrechtliche Verjährungsfristen einen sicheren Schutz vor Restitutionsforderungen böten. Diese Annahme ist nicht nur moralisch fragwürdig, sondern auch juristisch trügerisch. Deutschland hat sich mit der Unterzeichnung der Washingtoner Prinzipien (1998) und der Gemeinsamen Erklärung (1999) freiwillig einer moralischen und politischen Verpflichtung unterworfen, die über die engen Grenzen des Zivilrechts hinausgeht. Diese Prinzipien fordern die Identifizierung von Raubkunst und die Findung „gerechter und fairer Lösungen“ mit den Erben der verfolgten Eigentümer.

Sich hinter Verjährungsfristen zu verstecken, widerspricht diesem Geist fundamental und kann zu erheblichem Reputationsschaden führen. Die internationale Aufmerksamkeit für das Thema ist hoch, und die moralische Autorität der Erben ist oft stärker als jede juristische Spitzfindigkeit. Nach Schätzungen internationaler Experten wurden zwischen 1933 und 1945 rund 600.000 Kunstwerke geraubt; Tausende davon sind bis heute nicht an die rechtmässigen Erben zurückgegeben worden. Jedes dieser Werke trägt eine Geschichte von Verlust und Unrecht in sich, die durch den Verweis auf eine Verjährungsfrist nicht ausgelöscht wird.

Die Washingtoner Prinzipien und die Gemeinsame Erklärung schaffen eine moralische und politische Verpflichtung, die über die zivilrechtliche Verjährung hinausgeht.

– Deutsches Zentrum Kulturgutverluste, Offizielle Position zur Restitution

Die Haltung, proaktiv nach fairen Lösungen zu suchen, statt passiv auf Forderungen zu warten und diese juristisch abzuwehren, ist heute der anerkannte Standard für öffentliche Sammlungen und wird zunehmend auch von privaten Sammlern erwartet. Es ist ein Akt der historischen Gerechtigkeit, der den Wert einer Sammlung auf einer ganz anderen Ebene definiert: durch ihre ethische Integrität.

Ein ethisch handelnder Sammler oder Kurator fragt nicht: „Muss ich zurückgeben?“, sondern: „Was ist das Richtige?“ Diese Frage führt zu nachhaltigeren und letztlich befriedigenderen Ergebnissen für alle Beteiligten.

Wie machen Sie Herkunftsdaten transparent, ohne Diebe anzulocken?

Der Ruf nach Transparenz in der Provenienzforschung ist unbestreitbar und ein Kernanliegen der Washingtoner Prinzipien. Doch er kollidiert oft mit einer berechtigten Sorge von Sammlern und Museen: Wie kann man detaillierte Informationen über wertvolle Objekte veröffentlichen, ohne damit Kriminelle anzulocken? Die Lösung liegt in einer differenzierten Transparenz. Es geht nicht darum, alle Informationen unterschiedslos preiszugeben, sondern strategisch zu entscheiden, welche Daten öffentlich gemacht werden und welche vertraulich bleiben müssen. Das Ziel ist es, Forschern und potenziellen Anspruchstellern die notwendigen Informationen zur Verfügung zu stellen und gleichzeitig sensible Daten wie genaue Standorte, Sicherheitsmerkmale oder Versicherungswerte zu schützen.

Die Veröffentlichung von Eigentümerhistorien, Erwerbungsjahren und insbesondere von dokumentierten Provenienzlücken ist für die Forschung unerlässlich. Dies schafft eine Vertrauensbasis und signalisiert die Bereitschaft zur Aufklärung. Moderne Datenbanken zeigen, wie dieser Balanceakt gelingen kann.

Die folgende Tabelle skizziert ein Modell für die abgestufte Veröffentlichung von Provenienzinformationen, wie es von führenden Institutionen praktiziert wird.

Transparenzstufen bei der Veröffentlichung von Provenienzinformationen
Informationsebene Öffentlich zugänglich Nur für Forscher Vertraulich
Eigentümerhistorie
Erwerbungsjahr
Provenienzlücken
Genauer Standort
Sicherheitsmerkmale
Versicherungswert

Die Proveana-Datenbank als Transparenzmodell

Proveana, die von einer Analyse des Deutschen Zentrums Kulturgutverluste betriebene Forschungsdatenbank, zeigt beispielhaft, wie Transparenz und Sicherheit balanciert werden können. Die Datenbank dokumentiert Forschungsergebnisse zu NS-Raubkunst, Kriegsverlusten und kolonialen Kontexten, während sensible Informationen geschützt bleiben. Über 36 geförderte Projekte haben hier ihre Ergebnisse veröffentlicht, was die kollaborative und offene, aber dennoch gesicherte Natur der modernen Provenienzforschung unterstreicht.

Durch eine solche abgestufte Strategie wird Transparenz von einer empfundenen Bedrohung zu einem Werkzeug, das die Glaubwürdigkeit und den Ruf einer Sammlung stärkt, ohne ihre Sicherheit zu kompromittieren.

Wie schreiben Sie ein Schild für ein Objekt, dessen Herkunft ungeklärt ist?

Eines der stärksten Instrumente, um Transparenz zu demonstrieren, ist das Objekt-Schild direkt in der Ausstellung. Steht man vor einem Werk mit einer Provenienzlücke zwischen 1933 und 1945, ist die Formulierung des Textes ein entscheidender Akt. Es geht darum, eine ehrliche und informative Brücke zum Publikum zu bauen, anstatt Unsicherheiten zu vertuschen. Ein gut formuliertes Schild verwandelt eine potenziell problematische Lücke in einen Beweis für die Integrität und Forschungsbereitschaft der Institution. Der Schlüssel liegt in einer neutralen, sachlichen und unmissverständlichen Sprache. Vermeiden Sie beschönigende oder vage Formulierungen. Nennen Sie das Problem klar beim Namen.

Moderne Beschilderungskonzepte nutzen oft QR-Codes oder kurze URLs, die zu einer detaillierteren Online-Dokumentation des Forschungsstandes führen. Dies ermöglicht es, den Text am Objekt kurz zu halten und gleichzeitig interessierten Besuchern tiefergehende Einblicke zu gewähren. Dies kann auch ein expliziter Aufruf an die Öffentlichkeit sein, eventuell vorhandenes Wissen zu teilen.

Nahaufnahme eines modernen Museumsschilds mit QR-Code für erweiterte Provenienzinformationen

Anstatt die Lücke zu verschweigen, sollte die Beschilderung klar formulieren, dass die Herkunft für einen bestimmten Zeitraum unklar ist und aktiv erforscht wird. Dies signalisiert dem Betrachter: „Wir nehmen unsere Verantwortung ernst und arbeiten an der Aufklärung.“ Wichtige Formulierungen sind zum Beispiel:

  • „Provenienz für die Jahre 1933–1945 wird erforscht.“
  • „Aufgrund von Provenienzlücken kann ein NS-verfolgungsbedingter Entzug nicht ausgeschlossen werden. Das Museum untersucht derzeit die Herkunft dieses Werkes.“
  • „Hinweise zur Herkunft dieses Objekts nimmt das Museum gerne entgegen. Weitere Informationen finden Sie unter [Link/QR-Code].“

Diese proaktive Kommunikation ist ein Zeichen von Stärke. Sie lädt das Publikum ein, Teil eines transparenten Prozesses zu werden, und schützt die Institution vor dem Vorwurf der Verschleierung.

Letztlich ist ein ehrliches Schild kein Makel, sondern ein Qualitätsmerkmal, das von einem aufgeklärten und kritischen Publikum zunehmend geschätzt wird.

Das fehlende Zertifikat: Wie vermeiden Sie den Kauf von Fälschungen auf dem Sekundärmarkt?

Die Prinzipien der Provenienzforschung sind nicht nur für die Identifizierung von Raubkunst entscheidend, sondern auch ein wirksames Mittel gegen den Kauf von Fälschungen. Ein fehlendes oder lückenhaftes Herkunftszertifikat ist oft das erste Warnsignal. Auf dem Sekundärmarkt, wo Werke ohne direkte Beziehung zum Künstler oder seinem Nachlass gehandelt werden, ist eine lückenlose und plausible Dokumentation der Eigentümerkette der beste Schutz vor Betrug. Ein Zertifikat allein ist jedoch kein Freibrief. Seine Authentizität und die Glaubwürdigkeit des Ausstellers müssen ebenfalls kritisch hinterfragt werden. Ein erfahrener Sammler entwickelt ein investigatives Gespür für Unstimmigkeiten, das über das blosse Vorhandensein eines Dokuments hinausgeht.

Fragen Sie sich stets: Ist die Kette der Besitzer nachvollziehbar? Gibt es unerklärliche Lücken? Passen die angegebenen Sammler und Galerien zum Stil und zur Entstehungszeit des Werkes? Eine gründliche Recherche in Auktionskatalogen, Werkverzeichnissen und Ausstellungsarchiven ist unerlässlich. Oft sind es kleine Details – ein falscher Stempel, ein anachronistisches Papier –, die eine Fälschung entlarven. Die Sorgfalt, die Sie bei der Prüfung auf Raubkunst anwenden, schützt Sie also doppelt.

Der Fall Gurlitt: Lehren für den Kunstmarkt

Die Entdeckung von fast 1300 Kunstwerken bei Cornelius Gurlitt im Jahr 2012 hat die Untrennbarkeit von Raubkunst- und Echtheitsfragen drastisch vor Augen geführt. Die jahrelange, aufwendige Untersuchung der Sammlung war eine gigantische Übung in Provenienzforschung. Bis 2021 wurden 14 Objekte als wahrscheinliche oder gesicherte NS-Raubkunst identifiziert und restituiert, darunter Werke von Carl Spitzweg und Max Liebermann. Der Fall Gurlitt ist eine eindringliche Mahnung, dass eine ungeklärte Herkunft immer ein doppeltes Risiko birgt: das ethische Risiko, im Besitz von Raubgut zu sein, und das finanzielle Risiko, eine Fälschung oder ein rechtlich anfechtbares Werk zu erwerben.

Eine solide Provenienz ist daher nicht nur eine Frage der Ethik, sondern die solideste Grundlage für den Wert und die Freude an jeder Kunstsammlung.

Warum Sie Werke, die die Nazis verkauften, heute nicht zurückgeben müssen (aber vielleicht sollten)

Eine der komplexesten Grauzonen der Provenienzforschung betrifft das sogenannte „Fluchtgut“. Dabei handelt es sich um Kunstwerke, die von Verfolgten des NS-Regimes nicht direkt gestohlen oder beschlagnahmt, sondern unter Zwang verkauft wurden – oft weit unter Wert, um die Flucht zu finanzieren. Juristisch gesehen handelt es sich um einen gültigen Kaufvertrag, was eine rechtliche Restitutionspflicht oft ausschliesst. Doch moralisch bleibt die Frage: Ist es gerecht, von dem Unglück anderer zu profitieren? Die „Gemeinsame Erklärung“ erkennt diese Problematik an und ruft zur Suche nach „fairen und gerechten Lösungen“ auch für diese Fälle auf. Ein Festhalten an der rein juristischen Position ist zwar möglich, aber ethisch kaum haltbar.

Die Unterscheidung zwischen direktem Raub und einem Verkauf unter Zwang ist oft fliessend und erfordert eine genaue Prüfung des Einzelfalls. Die Entscheidung, ein solches „Fluchtgut“ zu restituieren oder eine Entschädigung zu zahlen, ist ein starkes Bekenntnis zur historischen Verantwortung, das weit über das gesetzlich geforderte Mass hinausgeht. In Deutschland etabliert sich zunehmend eine Praxis, die den moralischen Aspekt in den Vordergrund stellt, was sich auch in der Reform der Beratenden Kommission und der Einrichtung eines Schiedsgerichts für NS-Raubgut zeigt. Seit Oktober 2024 gibt es eine Reform der Beratenden Kommission, die den Weg für ein neues, unabhängiges Schiedsgericht ebnet.

Die folgende Tabelle verdeutlicht die wesentlichen Unterschiede zwischen den Kategorien, die in der Praxis oft verschwimmen.

Raubkunst vs. Fluchtgut: Rechtliche und moralische Unterscheidungen
Kategorie Definition Rechtliche Verpflichtung Moralische Dimension
NS-Raubkunst Direkt beschlagnahmt oder gestohlen Restitutionspflicht Eindeutig
Fluchtgut Verfolgungsbedingt verkauft Keine automatische Pflicht Fall-zu-Fall-Bewertung
Grauzone Unklar dokumentierte Verkäufe 1933-1945 Prüfung erforderlich Faire Lösung angestrebt

Am Ende steht die Erkenntnis, dass der wahre Wert einer Sammlung sich nicht nur in ihren Meisterwerken misst, sondern auch in der moralischen Klarheit, mit der ihre Geschichte aufgearbeitet wurde.

Das Wichtigste in Kürze

  • Eine lückenlose Provenienz ist keine bürokratische Last, sondern das Fundament der ethischen und finanziellen Stabilität einer Kunstsammlung.
  • Proaktive Transparenz über Forschungsbemühungen und ungeklärte Herkünfte ist kein Eingeständnis von Schwäche, sondern ein Zeichen von institutioneller Integrität.
  • Die moralische Verpflichtung zur Aufklärung, wie in den Washingtoner Prinzipien verankert, hat Vorrang vor rein zivilrechtlichen Verjährungsfristen.

Wie starten Sie eine wertstabile Kunstsammlung mit einem Budget unter 5.000 €?

Die Prinzipien der sorgfältigen Provenienzforschung sind keine exklusive Domäne für Millionensammlungen oder grosse Museen. Im Gegenteil: Gerade beim Aufbau einer neuen Sammlung mit einem begrenzten Budget legen sie den Grundstein für zukünftige Wertstabilität und ethische Integrität. Der Fokus auf eine lückenlose Herkunft von Anfang an ist die klügste Investition, die ein neuer Sammler tätigen kann. Anstatt auf grosse Namen mit zweifelhafter Vergangenheit zu spekulieren, ist es ratsamer, sich auf Segmente zu konzentrieren, in denen eine klare Dokumentation realistisch und erschwinglich ist, wie zum Beispiel bei zeitgenössischen Editionen oder Werken junger Künstler.

Der Aufbau einer Sammlung ist ein Marathon, kein Sprint. Jeder einzelne Ankauf sollte sorgfältig dokumentiert werden – mit Rechnungen, Korrespondenz und Herkunftsnachweisen. Diese Dokumentation ist das „Gedächtnis“ der Sammlung und wird mit den Jahren exponentiell an Wert gewinnen. Ein Werk mit einer perfekten Provenienz für 3.000 € ist langfristig eine bessere Anlage als ein vermeintliches Schnäppchen für den gleichen Preis mit einer Lücke in der Geschichte. Denn wie das Deutsche Zentrum Kulturgutverluste betont: Die Provenienz ist auch im günstigen Segment ein entscheidender Wertfaktor für die Zukunft.

Strategien für den Aufbau einer Sammlung im unteren Preissegment

  1. Fokussieren Sie auf Druckgrafik der Leipziger Schule oder Düsseldorfer Photoschule.
  2. Nutzen Sie Jahresgaben deutscher Kunstvereine für erschwingliche Editionen.
  3. Besuchen Sie kleinere Auktionen bei Ketterer Kunst, Grisebach oder Lempertz.
  4. Achten Sie auf lückenlose Provenienz auch bei günstigen Werken.
  5. Dokumentieren Sie jeden Ankauf mit vollständiger Herkunftsdokumentation.

Auch und gerade am Anfang ist es entscheidend, die Grundlagen für eine wertstabile und ethisch einwandfreie Sammlung zu legen.

Beginnen Sie noch heute damit, die Geschichte Ihrer Sammlung nicht als Nebensache, sondern als zentralen Teil ihrer Identität und Ihres Wertes zu begreifen. Dies ist der Weg zu einer Sammlung, die nicht nur ästhetisch, sondern auch intellektuell und moralisch bereichert.

Häufige Fragen zum Thema Raubkunst und Provenienz

Welche Formulierung sollte verwendet werden, wenn die Provenienz zwischen 1933-1945 unklar ist?

Verwenden Sie neutrale Formulierungen wie ‚Provenienz für die Jahre 1933-1945 wird erforscht‘ oder ‚Die Herkunft dieses Werkes wird derzeit untersucht‘.

Sollten Verdachtsmomente auf dem Schild erwähnt werden?

Ja, Transparenz ist wichtig. Formulieren Sie vorsichtig: ‚Aufgrund von Provenienzlücken kann ein NS-verfolgungsbedingter Entzug nicht ausgeschlossen werden.‘

Wie kann das Publikum zur Mithilfe aufgerufen werden?

Ergänzen Sie: ‚Hinweise zur Herkunft dieses Objekts nimmt das Museum gerne entgegen‘ mit Kontaktinformationen oder QR-Code.

Geschrieben von Sophie Lichtenstein, Kunsthistorikerin (M.A.) und Art Consultant, spezialisiert auf den Aufbau zeitgenössischer Sammlungen und den Sekundärmarkt. 15 Jahre Erfahrung im Galerie- und Auktionswesen.