Veröffentlicht am März 12, 2024

Der Besitz eines 1937 beschlagnahmten Kunstwerks ist weniger eine rechtliche Last als eine aktive historische und kuratorische Verantwortung.

  • Rechtlich gesehen besteht bei als „entartet“ verkauften Werken oft keine Rückgabepflicht, im Gegensatz zu eindeutigem NS-Raubgut.
  • Der wahre Wert liegt heute darin, die gebrochene Geschichte des Werks transparent zu machen und es so zu einem Träger der Erinnerung zu transformieren.

Empfehlung: Streben Sie statt einer rein juristischen Abwicklung eine „gerechte und faire Lösung“ im Sinne der Washingtoner Prinzipien an, die die historische Bedeutung des Werks würdigt und kommuniziert.

Stellen Sie sich vor, Sie stehen als Museumsleiter oder privater Sammler vor einem farbgewaltigen Werk von Franz Marc oder Ernst Ludwig Kirchner. Sie spüren die künstlerische Kraft, die visionäre Energie des deutschen Expressionismus. Doch Ihr Blick wandert zur Rückseite, zu den alten Etiketten, den verblassten Stempeln. Einer davon stammt aus einem deutschen Museum, datiert vor 1937. Ein anderer ist ein unheilvolles Inventarzeichen. Ihnen wird bewusst: Dieses Meisterwerk hat eine toxische, eine gebrochene Geschichte. Es wurde von den Nationalsozialisten als „entartet“ diffamiert, aus öffentlichem Besitz beschlagnahmt und zur Devisenbeschaffung ins Ausland verkauft.

Die erste Reaktion ist oft von Unsicherheit geprägt. Was nun? Drohen Restitutionsforderungen? Verliert das Werk an Wert? Die gängige Annahme, man müsse das Werk verstecken oder das Problem juristisch „lösen“, greift zu kurz. Sie übersieht die tiefere Dimension, die solche Objekte heute besitzen. Dieser Leitfaden argumentiert aus einer geschichtsbewussten Perspektive: Die Herausforderung liegt nicht in der Abwehr von Ansprüchen, sondern in der Annahme einer aktiven kuratorischen Verantwortung. Es geht darum, die Geschichte des Objekts nicht als Makel, sondern als wesentlichen Teil seiner Identität zu begreifen und zu kommunizieren.

Dieser Artikel führt Sie durch die komplexen Facetten dieses Themas. Wir beleuchten die rechtlichen Unterschiede zu Raubkunst, die praktischen Schritte der Provenienzforschung, die konservatorischen Notwendigkeiten und die überraschende Dynamik des heutigen Kunstmarktes. Ziel ist es, Ihnen das Rüstzeug zu geben, um aus einem historischen Problemfall ein leuchtendes Beispiel für eine aufgeklärte Erinnerungskultur zu machen und die Geschichte des Werks vollständig und transparent zu erzählen.

Dieser Leitfaden bietet Ihnen eine strukturierte Orientierung, um fundierte und ethisch verantwortungsvolle Entscheidungen im Umgang mit Werken zu treffen, die während der NS-Zeit als „entartet“ galten. Jede Sektion widmet sich einer zentralen Fragestellung, die sich für Besitzer und Institutionen heute stellt.

Warum Sie Werke, die die Nazis verkauften, heute nicht zurückgeben müssen (aber vielleicht sollten)

Die zentrale Frage, die jeden Besitzer eines 1937 beschlagnahmten Werks umtreibt, ist die der Restitution. Hier ist eine entscheidende juristische Differenzierung zu treffen: Anders als bei Kunstwerken, die jüdischen Sammlern geraubt oder abgepresst wurden (NS-Raubkunst), gelten Werke, die damals aus dem Besitz deutscher Museen stammten und im Zuge der Aktion „Entartete Kunst“ beschlagnahmt wurden, rechtlich als ein Sonderfall. Die Beschlagnahmung basierte auf einem Gesetz vom 31. Mai 1938, das dem Staat rückwirkend das Eigentum an diesen Werken zusprach. So perfide diese Legalisierung des Kunstraubs war, so hat sie bis heute juristische Konsequenzen. Ein Verkauf durch das NS-Regime oder autorisierte Händler wie Hildebrand Gurlitt begründete damals einen legalen Eigentumsübergang. Laut dem Deutschen Historischen Museum wurden insgesamt rund 16.000 moderne Kunstwerke aus deutschen Museen entfernt.

Der berühmte „Schwabinger Kunstfund“ im Fall Cornelius Gurlitt hat diese Komplexität eindrücklich gezeigt. Obwohl die Sammlung Werke mit höchst problematischer Provenienz enthielt, wurden viele der untersuchten Stücke als rechtmässiges Eigentum der Familie identifiziert, da sie aus dem Pool der „Entarteten Kunst“ stammten und nicht aus Enteignungen von Privatpersonen. Rechtlich gesehen stehen Sie also oft auf sicherem Boden. Doch die moralische und historische Dimension ist eine andere. Die Washingtoner Prinzipien von 1998 fordern für alle Fälle von NS-verfolgungsbedingt entzogenem Kulturgut die Findung einer „just and fair solution“ (gerechte und faire Lösung). Dies ist ein ethischer Appell, der über die reine Rechtslage hinausgeht.

Es geht nicht um eine erzwungene Rückgabe, sondern um einen Dialog. Eine Kontaktaufnahme mit dem ursprünglichen Museum, eine Dauerleihgabe, eine gemeinsame Ausstellung mit transparenter Provenienzgeschichte oder eine finanzielle Geste können Wege sein, der historischen Verantwortung gerecht zu werden. Die Entscheidung, über die rechtliche Pflicht hinauszugehen, wandelt ein juristisches Problem in einen Akt der Geschichtsaufarbeitung und Versöhnung. Sie ehrt das Werk und die Institution, der es einst entrissen wurde.

Wie rahmen Sie Expressionisten historisch korrekt, wenn die Originalrahmen zerstört wurden?

Die Aktion „Entartete Kunst“ war nicht nur ein Angriff auf die Künstler, sondern auch auf die materielle Integrität ihrer Werke. Originale Rahmen, oft von den Künstlern selbst entworfen oder ausgewählt, wurden häufig zerstört. Sie galten als Teil der „verfemten“ Ästhetik. Für einen heutigen Besitzer stellt sich die Frage: Wie rahmt man ein solches Werk, um seiner Geschichte gerecht zu werden? Eine historisierende Rekonstruktion eines verlorenen Rahmens ist oft spekulativ und kann den Eindruck einer unversehrten Vergangenheit erwecken, den es nie gab. Ein moderner Ansatz verfolgt daher ein anderes Ziel: die Visualisierung der gebrochenen Geschichte.

Anstatt die Lücke zu kaschieren, machen viele Museen und bewusste Sammler sie sichtbar. Sie wählen schlichte, hochwertige Manufakturrahmen, die sich nicht historisierend anbiedern, sondern dem Werk einen würdigen, aber klar als neu erkennbaren Halt geben. Die eigentliche Innovation liegt in der Ergänzung: Eine kleine, dezent in den Rahmen eingelassene oder daneben platzierte Messing- oder Metallplakette kann die wichtigsten Provenienzdaten zusammenfassen: „Ehemals [Name des Museums], beschlagnahmt 1937, Aktion ‚Entartete Kunst'“.

Moderner schlichter Museumsrahmen mit integrierter Messingplakette für Provenienzgeschichte

Wie auf diesem Bild angedeutet, wird der Rahmen selbst zum Träger der Information. Er erzählt nicht nur die Geschichte der Entstehung des Bildes, sondern auch die Geschichte seiner Rezeption und Verfolgung. Diese Methode vermeidet jede Form von Geschichtsklitterung. Sie ist ein ehrliches Bekenntnis zur komplexen Biografie des Kunstwerks. Der materielle „Bruch“ – der Verlust des Originalrahmens – wird so zu einem integralen Bestandteil der kuratorischen Präsentation und erfüllt die Forderung nach Transparenz auf ästhetisch anspruchsvolle Weise.

Warum gerade der Expressionismus so anfällig für Fälschungen wie die von Beltracchi ist

Die intensive Beschäftigung mit einem Werk der „Entarteten Kunst“ muss zwangsläufig auch die Frage nach seiner Authentizität einschliessen. Gerade der deutsche Expressionismus wurde zu einem bevorzugten Jagdgebiet für Meisterfälscher wie Wolfgang Beltracchi. Dies hat mehrere Gründe. Erstens führte die Zerstörung und Zerstreuung im Dritten Reich zu erheblichen Lücken in den Werkverzeichnissen und Provenienzen. Werke galten als verschollen und konnten von Fälschern als „Wiederentdeckungen“ in den Markt eingeschleust werden. Zweitens ermöglicht der spontan und oft „wild“ wirkende Pinselstrich der Expressionisten scheinbar eine leichtere Nachahmung als die altmeisterliche Feinmalerei. Beltracchi perfektionierte die Kunst, nicht nur den Stil, sondern auch die „Seele“ und die typischen Motive eines Künstlers zu imitieren.

Der finanzielle Anreiz ist enorm. Als Beltracchis Fälschung eines Heinrich Campendonk, „Rotes Bild mit Pferden“, bei einer Auktion angeboten wurde, erzielte sie einen Preis, der die Risikobereitschaft illustriert. So wurde das gefälschte „Rotes Bild mit Pferden“ 2006 für 2,88 Millionen Euro versteigert. Beltracchi schuf nicht nur Kopien, sondern erfand Werke „im Stil von“ und platzierte sie in biografischen oder historischen Lücken der Künstler. Er schuf eine fiktive „Sammlung Jägers“, um eine glaubwürdige Provenienz vorzutäuschen.

Die Entdeckung durch Pigmentanalyse

Letztendlich war es nicht das geschulte Auge eines Kunsthistorikers, das Beltracchi zu Fall brachte, sondern die Naturwissenschaft. Bei der Analyse eines angeblichen Campendonk-Gemäldes von 1914 entdeckte der Experte Nicholas Eastaugh Spuren von Titanweiss. Das Problem: Dieses spezifische Pigment war 1914 noch nicht kommerziell verfügbar. Dieser Anachronismus war der unumstössliche Beweis für die Fälschung und führte zur Entlarvung des gesamten Skandals. Dies unterstreicht, dass heute eine umfassende Echtheitsprüfung neben der stilistischen Analyse immer auch eine materialtechnische Untersuchung umfassen muss.

Für einen Besitzer bedeutet dies, dass eine lückenlose Provenienz seit 1937 nicht nur eine historische, sondern auch eine wichtige absichernde Funktion hat. Jede ungeklärte Lücke in der Besitzgeschichte ist ein potenzielles Einfallstor für Fälschungen. Eine gründliche Prüfung, inklusive technologischer Analysen, ist daher unerlässlich.

Wie stellen Sie Aquarelle von Macke aus, ohne dass die Farben verblassen?

Hat man die rechtlichen, historischen und authentischen Fragen geklärt, beginnt die konservatorische Verantwortung: die Bewahrung der materiellen Substanz des Kunstwerks für zukünftige Generationen. Dies ist besonders bei Werken auf Papier, wie den leuchtenden Aquarellen von August Macke, eine immense Herausforderung. Die Farben des Expressionismus sind oft ihr grösster Schatz und zugleich ihre grösste Schwäche. Viele der verwendeten Pigmente sind extrem lichtempfindlich und können bei falscher Ausstellung irreparabel verblassen.

Die wichtigste Schutzmassnahme ist die Begrenzung der Lichteinwirkung. Dies betrifft sowohl die Intensität als auch die Dauer. Die Beleuchtungsstärke sollte maximal 50 Lux nicht überschreiten – zum Vergleich: Ein gut beleuchteter Büroarbeitsplatz hat etwa 500 Lux. Direkte Sonneneinstrahlung ist absolut tabu. Museen arbeiten daher mit einem strikten Rotationsprinzip: Ein lichtempfindliches Aquarell wird oft nur für drei Monate ausgestellt und muss sich dann für mindestens neun Monate, wenn nicht Jahre, in völliger Dunkelheit im Depot „erholen“. Zudem ist die Kontrolle des Raumklimas essenziell; eine konstante relative Luftfeuchtigkeit zwischen 45% und 55% verhindert, dass das Papier spröde wird oder sich wellt.

Ein weiterer entscheidender Faktor ist die Verglasung. Die Wahl des richtigen Glases ist keine Nebensache, sondern eine zentrale konservatorische Entscheidung. Hier zeigt sich der Unterschied zwischen einer einfachen Präsentation und einer professionellen Konservierung.

Vergleich von Museumsglas-Typen für Aquarelle
Glastyp UV-Schutz Entspiegelung Preis/m² Empfehlung für Macke
Standardglas 0% Nein 30-50€ Nicht empfohlen
UV-Schutzglas 99% Teilweise 150-200€ Minimum-Standard
Museumsglas (Schott/Mirogard) 99% Vollständig 300-400€ Optimal

Die Investition in hochwertiges Museumsglas, das nicht nur 99% des schädlichen UV-Lichts filtert, sondern auch entspiegelt ist und so einen ungestörten Blick auf das Werk ermöglicht, ist für den langfristigen Erhalt unerlässlich. Es ist ein Ausdruck der Wertschätzung für die fragile Schönheit dieser Meisterwerke.

Warum erzielen Werke des „Blauen Reiter“ plötzlich Rekordpreise in London?

Man könnte annehmen, dass eine als „entartet“ stigmatisierte Provenienz den Wert eines Kunstwerks mindert. Doch auf dem heutigen internationalen Kunstmarkt ist oft das genaue Gegenteil der Fall. Werke von Künstlern des „Blauen Reiter“ oder der „Brücke“ mit einer lückenlosen Provenienz, die die Beschlagnahmung von 1937 transparent ausweist, erzielen auf Auktionen in London oder New York regelmässig Rekordpreise. Diese Entwicklung, die auf den ersten Blick paradox erscheint, folgt einer neuen Marktlogik: Geschichte wird zur Währung.

Die Beschlagnahmung und der anschliessende Verkauf durch das NS-Regime sind zu einem Teil der Biografie des Werks geworden, der es einzigartig macht. Diese dramatische Vergangenheit hebt es aus der Masse anderer Werke des Künstlers heraus. Die Propagandaschau „Entartete Kunst“, die 1937 in München eröffnet wurde und danach durch weitere Städte tourte, zog damals über 2 Millionen Besucher an und zementierte unfreiwillig den Kanon der Moderne. Ein Werk, das Teil dieses historischen Ereignisses war, besitzt eine zusätzliche historische Aura. Ein Kunstmarktexperte fasst diese Entwicklung treffend zusammen:

Eine lückenlose Provenienz, die sogar die Beschlagnahmung 1937 einschliesst, gilt heute nicht mehr als Makel, sondern als historisches Alleinstellungsmerkmal.

– Kunstmarktexperte, Analyse des internationalen Kunstmarkts

Eleganter Auktionssaal mit expressionistischem Gemälde auf Staffelei

Für den Markt ist eine solche dokumentierte Provenienz doppelt wertvoll: Sie ist nicht nur ein Beleg für eine faszinierende Geschichte, sondern dient auch als eine Art Echtheitszertifikat. Eine Fälschung kann kaum eine glaubwürdige Beschlagnahmungs-Historie aus einem deutschen Museum vorweisen. Die „toxische“ Geschichte wird so zu einem Siegel der Authentizität und einem preistreibenden Faktor. Für einen Besitzer bedeutet dies, dass die transparente Aufarbeitung der Geschichte nicht nur eine ethische Pflicht ist, sondern auch den materiellen Wert des Kunstwerks nachhaltig sichern und sogar steigern kann.

Wie recherchieren Sie effektiv nach NS-Raubgut, bevor Sie ein Werk ankaufen?

Die beste Strategie im Umgang mit problematischer Provenienz ist die Prävention. Jeder Ankauf, insbesondere von Werken, die zwischen 1933 und 1945 den Besitzer gewechselt haben könnten, erfordert eine sorgfältige „Due Diligence“. Die wichtigste Anlaufstelle in Deutschland und international ist die vom Deutschen Zentrum Kulturgutverluste betriebene Lost Art-Datenbank. Sie ist das weltweit grösste Verzeichnis für Kulturgüter, die infolge der nationalsozialistischen Diktatur und des Zweiten Weltkriegs verbracht, verlagert oder insbesondere jüdischen Eigentümern entzogen wurden.

Eine effektive Recherche geht jedoch über die einfache Eingabe des Künstlernamens hinaus. Sie müssen detektivisch vorgehen. Untersuchen Sie die Rückseite des Werkes akribisch nach alten Etiketten, Stempeln oder handschriftlichen Notizen. Alte Inventarnummern von Museen oder Galerien sind oft der Schlüssel. Vergleichen Sie diese mit den Einträgen in der Datenbank. Eine Lücke in der Provenienzliste zwischen 1933 und 1945 ist immer ein rotes Tuch. Hier müssen Sie besonders wachsam sein. Die Datenbank „Proveana“ des Deutschen Zentrums Kulturgutverluste ergänzt Lost Art, indem sie die Ergebnisse abgeschlossener Forschungsprojekte zu NS-Raubgut publiziert und so den Kontext vertieft.

Eine gründliche Recherche ist keine Garantie, aber sie minimiert das Risiko erheblich, unwissentlich ein Werk mit problematischer Herkunft zu erwerben und sich später mit komplexen Restitutionsfragen konfrontiert zu sehen. Sie ist ein Gebot der Sorgfalt und des Respekts gegenüber den Opfern des NS-Kunstraubs.

Ihr Plan zur Überprüfung in der Lost Art-Datenbank

  1. Datenbank aufrufen: Besuchen Sie die offizielle Seite der Lost Art-Datenbank unter www.lostart.de und wählen Sie die Suchmaske.
  2. Basis-Suche: Geben Sie sowohl den Namen des Künstlers als auch den Titel des Werkes (falls bekannt) in die entsprechenden Felder ein.
  3. Detail-Suche: Prüfen Sie die Rückseite des Werks auf alte Inventarnummern, Galerienamen oder Sammlerstempel und suchen Sie gezielt nach diesen Kennzeichen.
  4. Erweiterte Recherche: Führt die Suche zu keinem Ergebnis, aber es besteht eine Provenienzlücke zwischen 1933 und 1945, recherchieren Sie zusätzlich in der Proveana-Datenbank nach verwandten Fällen oder bekannten Sammlungen.
  5. Abgleich: Vergleichen Sie Ihre Ergebnisse mit den „Fundmeldungen“ (Objekte mit geklärter, aber problematischer Herkunft) und den „Suchmeldungen“ (Objekte, die von Erben gesucht werden).

Museumsglas vs. Standardglas: Lohnt sich der Aufpreis für den UV-Schutz wirklich?

Die Entscheidung für oder gegen eine hochwertige Verglasung ist eine der folgenreichsten konservatorischen Weichenstellungen. Oft wird aus Kostengründen gezögert, den erheblichen Aufpreis für echtes Museumsglas zu zahlen. Eine einfache Kosten-Nutzen-Analyse zeigt jedoch, dass diese Sparsamkeit kurzsichtig ist und langfristig zu einem massiven Wertverlust des Kunstwerks führen kann. Standard-Floatglas, wie es für Fenster oder einfache Bilderrahmen verwendet wird, bietet nahezu keinen Schutz vor UV-Strahlung, dem Hauptverursacher für das Verblassen von Farben und die Versprödung von Papier.

Gerade die chemisch oft instabilen, leuchtenden Farben, die Künstler wie Nolde, Kirchner oder Macke verwendeten, sind extrem gefährdet. Ein Restaurierungsexperte betont, dass „gerade die leuchtenden, aber chemisch instabilen Farben von Künstlern wie Nolde oder Kirchner den maximalen Schutz erfordern“. Ohne diesen Schutz kann ein Aquarell innerhalb weniger Jahre einen sichtbaren Teil seiner Farbintensität und damit auch seines finanziellen und ästhetischen Wertes einbüssen. Museumsglas hingegen filtert bis zu 99% der schädlichen UV-Strahlen und ist zudem entspiegelt, was die Betrachtung des Werkes nicht stört.

Die Frage ist also nicht, *ob* man sich den Schutz leisten kann, sondern ob man es sich leisten kann, darauf zu verzichten. Der Aufpreis für Museumsglas ist eine Investition, die sich direkt in der Werterhaltung des Kunstwerks niederschlägt und amortisiert.

Die folgende Analyse zeigt, wie schnell sich die Mehrausgabe rentiert, indem sie einen erheblichen Wertverlust verhindert.

Kosten-Nutzen-Analyse für verschiedene Glastypen
Kriterium Standardglas Museumsglas Differenz
Kosten 50x70cm 25€ 210€ +185€
UV-Schutz 0% 99% +99%
Wertverlust nach 5 Jahren 30-50% <5% 25-45% weniger
Amortisation bei 1000€ Werk 4 Jahre Lohnenswert

Das Wichtigste in Kürze

  • Recht vs. Ethik: Bei als „entartet“ verkauften Werken aus Museen besteht oft keine rechtliche Rückgabepflicht, aber eine moralische Verpflichtung zur Suche nach einer „gerechten und fairen Lösung“.
  • Transparenz als Wert: Die offene Kommunikation der gebrochenen Geschichte eines Werks ist kein Makel, sondern wird heute am Kunstmarkt als wertsteigerndes historisches Alleinstellungsmerkmal gesehen.
  • Konservierung als Pflicht: Der Schutz fragiler Werke, insbesondere durch hochwertiges Museumsglas und Lichtmanagement, ist eine unverzichtbare Investition in den langfristigen Erhalt des kulturellen Erbes und des materiellen Wertes.

Was tun, wenn Sie den Verdacht haben, dass ein Exponat in Ihrer Sammlung Raubkunst ist?

Dies ist der Moment, den jeder Sammler und Museumsleiter fürchtet: Ein Hinweis, eine neue Recherche oder eine Anfrage von aussen nährt den Verdacht, dass ein Werk in der eigenen Sammlung NS-Raubkunst sein könnte – also aus dem Privatbesitz eines Verfolgten stammt. In dieser Situation sind Panik und voreilige Handlungen die schlechtesten Ratgeber. Ein strukturierter und besonnener Erste-Hilfe-Plan ist entscheidend, um die Situation professionell zu managen und den Grundstein für eine faire Lösung zu legen.

Der erste Schritt ist rein intern: Sichern Sie sofort alle vorhandenen Unterlagen zum Werk. Dazu gehören Kaufverträge, Korrespondenzen, Gutachten und jegliche Provenienzinformationen. Erstellen Sie Kopien und bewahren Sie die Originale sicher auf. Die zweite Regel lautet: Handeln Sie nicht überstürzt. Das Werk darf unter keinen Umständen verkauft, versteckt oder gar vernichtet werden. Solche Handlungen könnten als Verschleierungsversuch gewertet werden und Ihre Position massiv schwächen. Wahren Sie emotionale Distanz und geben Sie sich Zeit für eine überlegte Strategie. Niemand erwartet eine sofortige Lösung.

Sobald die Faktenlage intern gesichert ist, suchen Sie professionelle Hilfe. In Deutschland ist die erste Anlaufstelle das Deutsche Zentrum Kulturgutverluste. Es bietet eine kostenlose Erstberatung und kann bei der Vermittlung zwischen den Parteien helfen. Parallel dazu ist es ratsam, einen auf Kunstrecht spezialisierten Anwalt hinzuzuziehen. Dieser kann die rechtliche Situation bewerten und Sie durch den Prozess begleiten. Das Ziel ist es, proaktiv und transparent zu handeln, anstatt in eine defensive Position gedrängt zu werden. Fälle, in denen Besitzer und Erben gemeinsam eine Lösung finden, zeigen, dass der Weg des Dialogs der einzig richtige ist. Beispiele wie von der Stiftung Preussischer Kulturbesitz entwickelte „multimedia library of remembrance“ für jüdische Opfer zeigen kreative Wege der Erinnerung auf, die über eine reine Rückgabe hinausgehen.

Ein Verdacht ist kein Urteil, sondern der Beginn eines Prozesses. Ein strukturierter und transparenter Umgang mit einem solchen Verdachtsfall ist der beste Weg, um der historischen Verantwortung gerecht zu werden.

Nehmen Sie diese kuratorische Verantwortung an. Indem Sie die gebrochene Geschichte eines Werkes erforschen, bewahren und erzählen, leisten Sie einen unschätzbaren Beitrag zur Erinnerungskultur und sichern zugleich den wahren, tiefen Wert Ihrer Sammlung für die Zukunft.

Geschrieben von Sophie Lichtenstein, Kunsthistorikerin (M.A.) und Art Consultant, spezialisiert auf den Aufbau zeitgenössischer Sammlungen und den Sekundärmarkt. 15 Jahre Erfahrung im Galerie- und Auktionswesen.