
Die Reduzierung des CO2-Fussabdrucks im Theater ist keine Frage des künstlerischen Verzichts, sondern der technischen Intelligenz und präzisen Planung.
- Die Implementierung geschlossener Materialkreisläufe und die Nutzung von Materialbörsen sind der grösste Hebel zur Abfallreduzierung.
- Innovative, B1-zertifizierte Öko-Materialien wie Pilzmyzel bieten eine Alternative zu Kunststoffen, erfordern aber neue Sicherheits- und Belastungstests.
- Die Entscheidung zwischen gebauter Kulisse und Video-Mapping hängt von einer detaillierten Lebenszyklusanalyse ab, die über den reinen Stromverbrauch hinausgeht.
Empfehlung: Beginnen Sie nicht mit dem Ziel, weniger zu bauen, sondern damit, von Anfang an für Demontage, Transport und Wiederverwendung zu konstruieren.
Als technischer Leiter oder Bühnenbildner stehen Sie heute vor einer doppelten Herausforderung: Die künstlerische Vision soll ohne Kompromisse umgesetzt werden, während gleichzeitig die Forderung nach Klimaneutralität immer lauter wird. Die Budgets sind knapp, die Erwartungen hoch. Viele gut gemeinte Ratschläge zur Nachhaltigkeit im Theater kratzen nur an der Oberfläche. Es wird gefordert, weniger Material zu verwenden, mehr zu recyceln oder auf digitale Lösungen umzusteigen. Doch diese Ansätze greifen oft zu kurz und ignorieren die komplexen Realitäten von Brandschutzvorschriften, Tourneelogistik und den spezifischen Anforderungen des Repertoires.
Die gängige Annahme ist, dass ökologische Nachhaltigkeit zwangsläufig zu ästhetischen Kompromissen oder explodierenden Kosten führt. Man hört von LED-Scheinwerfern, die nicht die richtige Farbwärme haben, oder von Öko-Materialien, die den strengen B1-Brandschutzanforderungen nicht genügen. Die Angst vor Sicherheitsrisiken, logistischen Albträumen und einer faden „Öko-Ästhetik“ lähmt viele Initiativen, bevor sie überhaupt beginnen. Die wahre Herausforderung liegt nicht darin, einfach nur Materialien auszutauschen, sondern die gesamte Prozesskette neu zu denken.
Aber was wäre, wenn die Lösung nicht im Verzicht, sondern in der Innovation liegt? Wenn die Reduzierung des CO2-Fussabdrucks nicht das Ende der Kreativität, sondern der Anfang einer neuen Form von Konstruktionsintelligenz ist? Dieser Artikel bricht mit den üblichen Platitüden. Stattdessen liefert er einen praxisorientierten Leitfaden, der sich auf die entscheidenden technischen und logistischen Stellschrauben konzentriert. Es geht darum, wie Sie durch modulare Bauweise, smarte Materialwahl und eine durchdachte Lebenszyklusplanung die Nachhaltigkeitsziele nicht nur erreichen, sondern sie als kreativen Motor nutzen können.
Wir werden uns ansehen, wie Sie funktionierende Materialnetzwerke aufbauen, welche ökologischen Alternativen es wirklich für B1-zertifizierte Kunststoffe gibt und wie Sie ein Bühnenbild von Anfang an so konzipieren, dass es in einen einzigen 7,5-Tonner passt. Dieser Leitfaden bietet Ihnen konkrete, umsetzbare Strategien, um die CO2-Emissionen Ihrer Produktionen drastisch zu senken, ohne dabei die künstlerische Qualität oder die Sicherheit auf der Bühne zu gefährden.
Inhaltsverzeichnis: Technischer Leitfaden zur CO2-Reduktion im Bühnenbild
- Warum Sie Kulissen nicht verschrotten sollten: Netzwerke für Material-Weitergabe
- B1-Zertifizierung: Welche ökologischen Alternativen zu schwer entflammbaren Kunststoffen gibt es?
- Wie konstruieren Sie ein Bühnenbild, das in einen einzigen 7,5-Tonner passt?
- Wann ist Video-Mapping wirklich billiger und nachhaltiger als gebaute Kulissen?
- Der Fehler in der Bauprobe, der später auf der Bühne zu Unfällen führt
- Das ökologische Problem der Makulatur: Wie viele Bücher werden vernichtet?
- Pfandsystem vs. Einweg: Was funktioniert logistisch bei Schlamm und Regen?
- Wie stellen Sie Ihr Theater komplett auf LED um, ohne die Farbtemperatur von Halogen zu verlieren?
Warum Sie Kulissen nicht verschrotten sollten: Netzwerke für Material-Weitergabe
Der grösste Hebel zur Reduzierung des CO2-Fussabdrucks liegt nicht im Recycling, sondern in der konsequenten Vermeidung von Abfall. Jede Kulisse, die nach der Dernière im Container landet, repräsentiert nicht nur entsorgtes Material, sondern auch die graue Energie ihrer Herstellung und ihres Transports. Der erste Schritt zu einem nachhaltigeren Theaterbetrieb ist daher die Etablierung eines funktionierenden Materialkreislaufs. Statt Materialien als Einwegprodukte zu betrachten, müssen sie als Ressourcen begriffen werden, deren Lebenszyklus weit über eine einzige Produktion hinausgeht. Dies erfordert ein Umdenken: vom linearen „Produzieren-Nutzen-Wegwerfen“ hin zu einem zirkulären System.
In der Praxis bedeutet dies den Aufbau interner und externer Netzwerke. Intern kann ein digitaler Materialkataster helfen, den Überblick über vorhandene Ressourcen zu behalten. Elemente wie Podeste, Treppen, Rahmen oder sogar grosse Stoffbahnen können systematisch erfasst, gelagert und für zukünftige Produktionen oder Bauproben wiederverwendet werden. Extern ermöglichen Kooperationen mit anderen Theatern, freien Gruppen oder Materialinitiativen den Tausch und die Weitergabe von ganzen Bühnenbildern oder einzelnen Komponenten. Plattformen wie FundusNet oder lokale Initiativen sind hier entscheidende Partner.
Fallstudie: Münchner Volkstheater und die Materialinitiative treibgut
Ein hervorragendes Beispiel für eine solche Kooperation ist die Zusammenarbeit des Münchner Volkstheaters mit der gemeinnützigen Materialinitiative treibgut. Seit Oktober 2022 gibt das Theater Materialien, die nicht mehr intern wiederverwendet werden können, an treibgut weiter. Diese Initiative bewahrt die Materialien vor der Entsorgung und gibt sie an kreative Projekte, soziale Einrichtungen und die freie Kunstszene weiter. So entsteht ein lokaler Materialkreislauf, der Abfall vermeidet und gleichzeitig andere kulturelle Akteure unterstützt. Das Theater legt zudem gezielt wiederverwendbare Kleinteile wie Scharniere, Rollen und Beschläge auf Lager, um sie für Bauproben oder kleinere Reparaturen griffbereit zu haben.
Der Aufbau solcher Systeme ist anfangs mit Aufwand verbunden, zahlt sich aber langfristig aus – nicht nur ökologisch, sondern auch ökonomisch. Jedes wiederverwendete Bauteil spart die Kosten für eine Neuanschaffung. Die Etablierung eines robusten Kreislaufsystems ist die Grundlage für jede weitere Massnahme zur CO2-Reduktion.
B1-Zertifizierung: Welche ökologischen Alternativen zu schwer entflammbaren Kunststoffen gibt es?
Eine der grössten technischen Hürden für nachhaltiges Bauen im Theater ist die Brandschutzklasse B1 (schwer entflammbar). Viele konventionelle Bühnenbildmaterialien wie Styropor, PVC-Folien oder bestimmte Kunststoffe erfüllen diese Norm, haben aber eine katastrophale Ökobilanz. Die Suche nach ökologischen Alternativen, die ebenfalls B1-zertifiziert sind, ist daher ein zentrales Handlungsfeld. Lange Zeit schien dies ein unlösbarer Widerspruch, doch die Materialforschung hat in den letzten Jahren erhebliche Fortschritte gemacht.
Es gibt mittlerweile eine wachsende Palette von Materialien, die Nachhaltigkeit und Brandschutz vereinen. Dazu gehören speziell behandelte Holzwerkstoffe, Textilien aus recycelten Fasern mit flammhemmender Ausrüstung oder innovative Verbundstoffe. Ein besonders vielversprechender Ansatz liegt in der Verwendung von biobasierten Materialien, die von Natur aus gewisse Brandschutzeigenschaften mitbringen oder entsprechend behandelt werden können. Wichtig ist hierbei eine genaue Prüfung der Zertifikate und eine enge Absprache mit den zuständigen Brandschutzbeauftragten, da nicht jede „Öko“-Lösung automatisch für den Bühneneinsatz geeignet ist.
Dieser Paragraph führt das Konzept der nachhaltigen, B1-zertifizierten Materialien ein. Das folgende Bild zeigt die faszinierende Textur eines solchen innovativen Werkstoffs: Pilzmyzel.

Wie die Makroaufnahme zeigt, handelt es sich um eine komplexe, faserige Struktur. Ein besonders innovatives Beispiel für ein solches Material ist der Baustoff aus Pilzmyzel, der nicht nur kompostierbar ist, sondern auch gute Brandschutzeigenschaften aufweisen kann.
Fallstudie: Bühnenbild aus Pilzmyzel am Staatstheater Braunschweig
Das Staatstheater Braunschweig hat für das Jugendtheaterstück „Funken“ ein komplettes Bühnenbild aus einem recyclingfähigen Baustoff geschaffen, der aus Elefantengrasfasern besteht, die mit Pilzmyzel durchwachsen sind. In einem Forschungsprojekt wurden über 300 kg dieser Fasern vom Myzel des Glänzenden Lackporlings durchwachsen. Das Ergebnis ist ein fester, leichter und formbarer Werkstoff, der nach der Nutzung vollständig kompostiert werden kann. Dieses Projekt demonstriert eindrucksvoll das Potenzial von biobasierten Materialien für den Bühnenbau und macht die Innovation für ein breites Publikum sichtbar.
Wie konstruieren Sie ein Bühnenbild, das in einen einzigen 7,5-Tonner passt?
Der Transport ist einer der signifikantesten Posten in der CO2-Bilanz einer Theaterproduktion, insbesondere bei Tourneen oder Gastspielen. Oft werden Bühnenbilder ohne Rücksicht auf Logistik entworfen, was zu mehreren LKW-Fahrten für eine einzige Produktion führt. Die Lösung liegt in einer intelligenten, auf Transporteffizienz ausgerichteten Konstruktionsweise. Das Ziel, ein komplettes Bühnenbild in einen einzigen 7,5-Tonner zu bekommen, ist keine utopische Sparmassnahme, sondern ein konkretes Designprinzip, das von Anfang an mitgedacht werden muss.
Dies erfordert modulares und demontierbares Bauen. Statt grosser, sperriger Kulissenteile, die viel Leervolumen transportieren, setzt man auf ein System aus kleineren, standardisierten Modulen, die sich platzsparend zerlegen und stapeln lassen. Wände werden zu steckbaren Rahmensystemen, Podeste zu zerlegbaren Einzelteilen und selbst grosse Objekte werden so konzipiert, dass sie sich wie ein 3D-Puzzle auseinandernehmen lassen. Dies erfordert eine präzise Planung in der Entwurfsphase, oft unter Zuhilfenahme von CAD-Programmen, um das Packmass zu simulieren und zu optimieren.
Die Schweizer Bühnenbildnerin und Professorin Nadia Fistarol fasst diesen Paradigmenwechsel prägnant zusammen:
Zu jeder Montagehalle kommt jetzt auch eine Demontagehalle
– Nadia Fistarol, Bühnenbildnerin und Professorin an der ZHDK
Diese Denkweise verändert alles: Materialien werden nicht mehr vernagelt, sondern verschraubt. Verbindungen werden so gestaltet, dass sie von einer Person ohne Spezialwerkzeug gelöst werden können. Diese Konstruktionsintelligenz spart nicht nur massiv CO2 beim Transport, sondern erleichtert auch den Auf- und Abbau, reduziert Lagerkosten und macht die Wiederverwendung der einzelnen Module in neuen Konfigurationen deutlich einfacher. Ein Bühnenbild wird so zu einem Baukastensystem.
Wann ist Video-Mapping wirklich billiger und nachhaltiger als gebaute Kulissen?
Video-Mapping und digitale Projektionen werden oft als die ultimative nachhaltige Alternative zu materiellen Bühnenbildern angepriesen. Die Logik scheint einfach: Statt Tonnen von Holz und Stahl zu transportieren, reist man nur mit ein paar Projektoren und einem Laptop. Doch diese Betrachtung ist oft zu kurzsichtig. Ob Video-Mapping wirklich die nachhaltigere Option ist, hängt von einer detaillierten Lebenszyklusanalyse ab, die alle Phasen berücksichtigt: Herstellung, Transport, Betrieb und Entsorgung.
Bei der Herstellung haben die Projektoren selbst einen erheblichen CO2-Fussabdruck. Der entscheidende Faktor ist jedoch der Stromverbrauch im Betrieb. Eine aufwendige Video-Show über 100 Vorstellungen hinweg kann, abhängig vom nationalen Strommix, eine beträchtliche Menge an CO2-Emissionen verursachen. Ein gebautes Bühnenbild hingegen verbraucht nach seiner Errichtung im Betrieb quasi keine Energie mehr. Eine Studie am Theater Regensburg ergab beispielsweise, dass das Theater insgesamt 1.173,48 t CO2-Äquivalente in einer Spielzeit emittierte, wobei der Energieverbrauch einen wesentlichen Teil ausmachte.
Die folgende Tabelle stellt die CO2-Bilanzen grob gegenüber und verdeutlicht, dass die Entscheidung nicht pauschal getroffen werden kann.
| Faktor | Video-Mapping | Gebautes Bühnenbild |
|---|---|---|
| Herstellung | Projektoren: 200kg CO2 | Materialien: 500kg CO2 |
| Transport | 20kg CO2 | 150kg CO2 |
| Betrieb (100 Vorstellungen) | Stromverbrauch abhängig vom deutschen Strommix | 0kg CO2 |
| Entsorgung | Elektronikschrott | Recycling/Verbrennung |
Video-Mapping ist dann eine nachhaltige Option, wenn es sich um eine Tourneeproduktion mit vielen Spielorten handelt (wo die Transporteinsparungen dominieren) oder wenn die Projektoren bereits vorhanden sind und mit 100 % Ökostrom betrieben werden. Für eine stationäre Produktion mit langer Laufzeit kann ein leichtes, modular gebautes Bühnenbild aus nachhaltigen Materialien die ökologisch sinnvollere Wahl sein.
Der Fehler in der Bauprobe, der später auf der Bühne zu Unfällen führt
Die Einführung neuer, nachhaltiger Materialien ist ein entscheidender Schritt, birgt jedoch auch ein oft unterschätztes Risiko: die statische Fehlannahme. Viele technische Teams gehen unbewusst davon aus, dass ein ökologisches Material – sei es ein Verbundstoff aus Hanffasern, Platten aus Pilzmyzel oder recycelter Kunststoff – die gleichen statischen Eigenschaften wie sein konventionelles Pendant (z.B. eine MDF-Platte) besitzt. Diese Annahme ist nicht nur falsch, sondern kann zu gefährlichen Situationen und Unfällen auf der Bühne führen.
Ein Material, das im Lager stabil wirkt, kann sich unter der Dauerbelastung durch Darsteller, dem Gewicht von Requisiten oder den dynamischen Kräften einer Choreografie völlig anders verhalten. Es kann sich biegen, brechen oder an Verbindungspunkten nachgeben. Ralph Zeger, ein Experte für Bühnenbild und Nachhaltigkeit, warnt eindringlich vor dieser „Nachhaltigkeits-Falle“. Der Fehler liegt darin, die Bauprobe nur als ästhetische und dimensionale Überprüfung zu sehen, anstatt sie als rigorosen Belastungstest zu nutzen.
Für jedes neue, nicht standardisierte Material müssen daher erweiterte Testprotokolle während der Bauprobe etabliert werden. Es reicht nicht, zu sehen, *ob* es passt, sondern man muss wissen, *was* es aushält. Dies schützt nicht nur die Darsteller und Techniker, sondern stellt auch sicher, dass die nachhaltige Innovation nicht durch einen vermeidbaren Materialfehler diskreditiert wird.
Ihr Aktionsplan: Testprotokoll für neue Materialien
- Belastungstest: Prüfen Sie die spezifische Druckfestigkeit. Bei Myzelkompositen muss beispielsweise die angegebene Druckfestigkeit von immerhin 1,5 N/mm² unter realen Bedingungen bestätigt werden.
- Schub- und Biegefestigkeit: Simulieren Sie realistische Bühnenbelastungen, indem Sie das Material aus verschiedenen Winkeln belasten und das Biegeverhalten unter dem Gewicht von Darstellern testen.
- Feuchtigkeitsbeständigkeit: Lagern Sie eine Materialprobe für 48 Stunden in einer feuchten Umgebung (z.B. nahe einer Nebelmaschine), um Quell- oder Schimmelverhalten zu prüfen.
- Brandverhalten: Führen Sie einen Brandtest gemäss DGUV Vorschrift 17 durch, auch wenn ein B1-Zertifikat vorliegt, um das Verhalten im spezifischen Einsatzkontext zu verifizieren.
- Dokumentation: Protokollieren Sie alle Testergebnisse mit Fotos und Messwerten, um eine Wissensdatenbank für zukünftige Produktionen aufzubauen.
Das ökologische Problem der Makulatur: Wie viele Bücher werden vernichtet?
Die Dimension des Materialverbrauchs und der Entsorgung im Theater ist enorm. Während oft über einzelne Materialien diskutiert wird, geht der Blick für das Gesamtvolumen verloren. Ein Theater mittlerer Grösse produziert pro Spielzeit leicht 10 bis 15 neue Bühnenbilder. Nach der letzten Vorstellung wird ein Grossteil davon zu Makulatur – zu Abfall, der entsorgt werden muss. Besonders problematisch sind dabei Verbundmaterialien: eine Holzwand, die mit Stoff tapeziert und anschliessend bemalt wurde, oder eine mit PVC-Folie bezogene Platte. Diese lassen sich kaum oder nur mit sehr hohem Aufwand trennen und landen daher meist direkt im Sperrmüll zur Verbrennung.
Das Münchner Volkstheater beschreibt diesen Zustand ungeschönt als „ein sehr verschwenderisches Wegwerfgeschäft“. Diese Praxis ist nicht nur ökologisch verheerend, sondern auch ökonomisch unsinnig. Jedes entsorgte Bühnenbild vernichtet den Wert des Materials und der investierten Arbeitszeit. Die schiere Menge an Abfall, von Holz und Metall über Stoffe bis hin zu unzähligen Requisiten wie Büchern oder Möbeln, stellt eine der grössten Herausforderungen dar.
Dieser riesige Materialdurchsatz unterstreicht die Dringlichkeit, funktionierende Kreislaufsysteme zu etablieren, wie sie im ersten Abschnitt beschrieben wurden. Ein gut organisierter Fundus ist das Herzstück eines nachhaltigen Theaters.

Wie dieses Bild eines ideal organisierten Lagers zeigt, geht es darum, Chaos in ein System zu verwandeln. Anstatt nach jeder Produktion vor einem Berg von „Müll“ zu stehen, wird der Fundus zu einer aktiven Materialbibliothek, aus der sich zukünftige Produktionen bedienen können. Dies erfordert Disziplin bei der Demontage, systematische Katalogisierung und ausreichend Lagerkapazitäten, ist aber der einzige Weg, dem ökologischen Problem der Makulatur wirksam zu begegnen.
Pfandsystem vs. Einweg: Was funktioniert logistisch bei Schlamm und Regen?
Auch wenn der Fokus dieses Leitfadens auf dem Bühnenbild liegt, lohnt ein kurzer Blick über den Tellerrand, um das Potenzial systemischer Veränderungen zu erkennen. Die Prinzipien der Kreislaufwirtschaft lassen sich auf alle Bereiche des Theaterbetriebs anwenden. Ein klassisches Beispiel ist die Gastronomie bei Festivals oder Freilichtaufführungen, wo oft enorme Mengen an Einweggeschirr anfallen. Die Frage „Pfandsystem vs. Einweg“ stellt sich hier unter erschwerten logistischen Bedingungen wie Schlamm und Regen.
Einwegprodukte aus kompostierbaren Materialien klingen verlockend, erfordern aber eine funktionierende industrielle Kompostieranlage und eine strikte Mülltrennung durch die Besucher, was in der Praxis oft scheitert. Ein robustes Mehrweg-Pfandsystem nach deutschem Vorbild ist in den meisten Fällen die überlegene Lösung, auch wenn es logistischen Aufwand für Spülstationen und Rückgabelogistik bedeutet. Der Schlüssel zum Erfolg liegt in der strategischen Platzierung von wettergeschützten Rückgabestellen und einem ausreichend hohen Pfand, um eine hohe Rücklaufquote zu gewährleisten.
Dass solche umfassenden Umweltmassnahmen eine gewaltige Wirkung haben können, zeigen internationale Vorreiter. Das Sydney Opera House beispielsweise hat durch ein Bündel von Massnahmen, das von Energieeffizienz über Abfallmanagement bis hin zur Wassereinsparung reicht, seit 2018 seinen CO2-Ausstoss um 17.500t jährlich eingespart. Diese Zahl zeigt eindrücklich, dass die Summe vieler, auch kleinerer, systemischer Änderungen einen massiven positiven Einfluss haben kann.
Die Auseinandersetzung mit solchen Systemfragen, sei es bei der Gastronomie oder der Gebäudetechnik, schärft den Blick für das grosse Ganze. Sie lehrt uns, in Prozessen und Kreisläufen zu denken – eine Fähigkeit, die direkt auf die Herausforderungen im Bühnenbild übertragbar ist. Jede logistische Herausforderung, die hier gemeistert wird, liefert Blaupausen für komplexere Probleme in der Produktion.
Das Wichtigste in Kürze
- Denken in Kreisläufen: Der grösste Hebel ist nicht Recycling, sondern die konsequente Wiederverwendung von Materialien durch interne Kataloge und externe Netzwerke.
- Materialinnovation mit Bedacht: Neue Öko-Materialien (z.B. Myzel) sind vielversprechend, müssen aber rigorosen Sicherheits- und Belastungstests unterzogen werden, um die statischen Eigenschaften zu validieren.
- Konstruktionsintelligenz vor Materialschlacht: Die Reduktion des CO2-Fussabdrucks beginnt in der Designphase durch modulare, demontierbare und transportoptimierte Konstruktion.
Wie stellen Sie Ihr Theater komplett auf LED um, ohne die Farbtemperatur von Halogen zu verlieren?
Die Umstellung der Bühnenbeleuchtung von Halogen auf LED ist ein weiterer Eckpfeiler der CO2-Reduktion. LEDs verbrauchen bis zu 80 % weniger Strom und haben eine ungleich höhere Lebensdauer. Dennoch zögern viele Theater, den Schritt vollständig zu vollziehen. Der Hauptgrund ist die Sorge vor künstlerischen Einbussen, insbesondere beim Verlust der gewohnten warmen Farbtemperatur von Halogenleuchten (ca. 3.200 Kelvin) und deren natürlichem Dimmverhalten, dem sogenannten „Warm-Shift“ (beim Dimmen wird das Licht wärmer und rötlicher).
Diese Bedenken waren in den Anfängen der LED-Technik berechtigt, sind heute aber weitgehend überholt. Hochwertige LED-Theaterscheinwerfer bieten nicht nur eine variable Farbtemperatur, sondern auch einen sehr hohen Farbwiedergabeindex (CRI von 90-98), der dem perfekten Wert von Halogen (100) sehr nahekommt. Entscheidend ist die Fähigkeit zur sogenannten „Red-Shift-Emulation“: Die Software des Scheinwerfers simuliert das physikalische Verhalten einer Halogenlampe beim Dimmen und erzeugt so den gewohnten, organischen Eindruck, den Lichtdesigner und Regisseure schätzen.
Die technische Entwicklung ist so weit fortgeschritten, dass moderne LED-Scheinwerfer in Helligkeit und Lichtqualität ihren konventionellen Vorgängern in nichts nachstehen, wie die folgende Gegenüberstellung zeigt.
Die folgende Tabelle fasst die wichtigsten technischen Unterschiede zusammen, basierend auf einer Analyse technischer Eigenschaften für Theater.
| Eigenschaft | Halogen | LED (hochwertig) |
|---|---|---|
| Farbtemperatur | 3.200 K (Kelvin) | 2.700-6.500K variabel |
| CRI-Wert | 100 | 90-98 |
| Dimmverhalten | Warm-shift natürlich | Red-Shift Emulation möglich |
| Stromverbrauch | 1000W | 150-250W |
| Lebensdauer | 2.000h | 50.000h |
Die Investition in einen hochwertigen LED-Park ist zwar anfangs hoch, amortisiert sich aber schnell durch die massiven Einsparungen bei Stromkosten und Leuchtmitteln. Die Umstellung ist somit kein künstlerischer Kompromiss mehr, sondern eine technologisch ausgereifte, ökonomisch sinnvolle und ökologisch unverzichtbare Massnahme.
Die Reduzierung des CO2-Fussabdrucks im Theater ist eine komplexe, aber lösbare Aufgabe. Der Schlüssel liegt darin, Nachhaltigkeit nicht als eine Reihe von Einschränkungen zu begreifen, sondern als einen Anstoss für technische Innovation und kreative Prozessoptimierung. Beginnen Sie damit, einen der hier vorgestellten Bereiche in Ihrem nächsten Projekt gezielt zu adressieren und bauen Sie schrittweise eine umfassende Nachhaltigkeitsstrategie für Ihr Haus auf.