Veröffentlicht am März 15, 2024

Die Echtheit einer Grafik verrät nicht die Signatur allein, sondern die materielle Evidenz, die nur eine Lupe und geschultes Auge offenbaren.

  • Ein Poster besteht aus einem regelmässigen Punktraster (Offsetdruck), während eine Originalgrafik (z. B. Radierung) in die Papierfasern eindringt und einen unregelmässigen Strich aufweist.
  • Falsche Materialien wie säurehaltige Passepartouts können eine Grafik irreversibel beschädigen und ihren Wert zerstören.
  • Sonderdrucke wie Künstlerexemplare (E.A.) sind oft seltener und können einen höheren Marktwert als die nummerierte Auflage haben.

Recommandation : Beginnen Sie Ihre Prüfung immer mit einer Lupe unter gutem Licht. Die Textur und der Strichaufbau sind Ihr verlässlichster Indikator für Echtheit, noch vor jeder Nummerierung.

Die Faszination ist gross: Ein wunderbares Kunstwerk, vielleicht von einem bekannten Namen, zu einem scheinbar erschwinglichen Preis. Doch im Hinterkopf nagt die Angst, als Einsteiger im Kunstmarkt einem teuren Irrtum aufzusitzen. Die Sorge, eine simple Reproduktion – im Grunde ein Poster – für den Preis einer echten Originalgrafik zu erwerben, hält viele vom Sammeln ab. Gängige Ratschläge konzentrieren sich oft auf die Signatur und die Nummerierung. Doch diese Merkmale können gefälscht oder irreführend sein und lassen den entscheidenden Punkt ausser Acht.

Was, wenn der wahre Schlüssel zur Unterscheidung nicht in diesen oberflächlichen Kennzeichen liegt, sondern tief im Material selbst verborgen ist? Die wahre Expertise besteht darin, nicht nur auf das zu schauen, was dargestellt ist, sondern darauf, *wie* es gemacht wurde. Es geht um das Papier, die Druckfarbe, die Spuren des Werkzeugs – die materielle Evidenz. Dieser Artikel gibt Ihnen nicht nur eine Checkliste an die Hand. Er schult Ihr Auge und versetzt Sie in die Lage, wie ein Restaurator oder Sammler zu denken. Sie werden lernen, die subtilen, aber entscheidenden Unterschiede zu erkennen, die den Wert und die Langlebigkeit eines Kunstwerks auf Papier bestimmen.

Von der chemischen Instabilität der Farben bis zur Logik hinter den Auflagenbezeichnungen – wir führen Sie durch die Details, die den Unterschied zwischen einem flüchtigen Deko-Element und einer wertbeständigen Investition ausmachen. Entdecken Sie die entscheidenden Kriterien, um mit Vertrauen und Sachverstand zu agieren.

Warum verblassen Farblithografien schon nach 6 Monaten direkter Sonneneinstrahlung?

Das schnelle Verblassen von Farben unter Lichteinwirkung ist ein rein chemischer Prozess, der von der Qualität der verwendeten Pigmente abhängt. UV-Strahlung im Sonnenlicht liefert die Energie, um die Molekülbindungen in den Farbpigmenten aufzubrechen. Besonders anfällig sind organische Farbstoffe, die in günstigeren Druckfarben verwendet werden. Die Lichtechtheit wird international nach der international anerkannten Blue Wool Scale gemessen, die von Stufe 1 (sehr gering, verblasst in wenigen Tagen) bis 8 (hervorragend, bleibt über Jahrzehnte stabil) reicht. Für Kunstdrucke sollte mindestens die Stufe 7 angestrebt werden, um eine langfristige Farbbrillanz zu gewährleisten.

Ein dramatisches Beispiel aus der Kunstgeschichte zeigt die Konsequenzen lichtempfindlicher Farben. Die „Mandelblüten“ von Van Gogh, gemalt zwischen 1888 und 1890, zeigen heute fast weisse Blüten statt der ursprünglich im Briefwechsel beschriebenen rosafarbenen Blüten vor blauem Himmel. Diese dokumentierte Veränderung demonstriert eindrücklich die Auswirkungen lichtempfindlicher Pigmente des 19. Jahrhunderts auf bedeutende Kunstwerke. Bei modernen Drucken bestimmt oft die schwächste Komponente, häufig Magenta, die Gesamtlichtechtheit. Ein Druck ist also nur so lichtbeständig wie sein anfälligstes Pigment. Die Platzierung abseits direkter Sonneneinstrahlung und die Verwendung von UV-Schutzglas sind daher keine optionalen, sondern essenzielle Massnahmen zur Werterhaltung.

Können Stockflecken entfernt werden, ohne die Papierstruktur zu beschädigen?

Stockflecken, diese unschönen bräunlich-schwarzen Punkte auf altem Papier, sind das Ergebnis eines Pilzbefalls, der durch hohe Luftfeuchtigkeit begünstigt wird. Ihre Entfernung ist eine der heikelsten Aufgaben in der Papierrestaurierung und sollte niemals von Laien versucht werden. Professionelle Restauratoren können diese Flecken oft reduzieren oder entfernen, doch der Prozess birgt Risiken. Die Behandlungsmethoden, wie die lokale Anwendung von Bleichmitteln (z.B. Wasserstoffperoxid) oder die Behandlung im Tauchbad, können die Papierfasern schwächen oder die Druckfarben angreifen, wenn sie nicht mit äusserster Sorgfalt und Fachkenntnis durchgeführt werden.

Der Erfolg hängt von einer genauen Analyse des Papiers, der Drucktechnik und der Farben ab. Optisch störende Verfärbungen wie Stockflecken werden durch unterschiedliche Bleichmethoden partiell, im Bad oder mittels Sprühen behandelt. Voraussetzung ist stets eine genaue Untersuchung der Substanz sowie eine Prüfung der ausreichenden Stabilität von Papier, Druck oder Farbaufträgen. Die Auswahl des richtigen Experten ist daher von entscheidender Bedeutung.

Auf jeden Fall sollte der Papierrestaurator ein Diplom für Papierrestaurierung aufweisen und auf Grafik spezialisiert sein. Der Verband der Restauratoren (VdR) ist eine gute Referenz, weil man dort nicht ohne Weiteres aufgenommen wird.

– Expertenantwort auf Gutefrage, Diskussion zur Grafikrestaurierung

Die Beauftragung eines qualifizierten Restaurators ist eine Investition in den Werterhalt des Kunstwerks. Ein unsachgemässer Versuch kann den Schaden irreparabel machen und den Wert der Grafik vollständig zunichtemachen.

Säurefreies Papier und Zwischenlagen: Wie lagern Sie ungerahmte Grafiken korrekt?

Die korrekte Lagerung ungerahmter Grafiken ist der wichtigste proaktive Schritt zur Werterhaltung. Der grösste Feind des Papiers ist Säure, die in vielen herkömmlichen Papier- und Kartonprodukten enthalten ist. Diese Säure führt zur Vergilbung, Versprödung und letztendlich zum Zerfall des Papiers. Daher ist die Verwendung von zertifizierten, säurefreien Archivmaterialien (nach DIN ISO 9706) absolut unerlässlich. Dies gilt für alles, was mit dem Kunstwerk in Berührung kommt: Mappen, Kartons und vor allem die Zwischenlagen.

Eine professionelle Lagerung sieht vor, dass jede einzelne Grafik durch eine Lage säurefreies Seiden- oder Zwischenlagenpapier von der nächsten getrennt wird. Dies verhindert nicht nur den chemischen Transfer von Säure, sondern auch mechanische Schäden wie Abrieb der Druckfarbe. Die Grafiken sollten flach in Archivmappen oder -kartons liegen, die nur geringfügig grösser sind als die Blätter selbst, um ein Verrutschen zu minimieren.

Professionelle Archivierungsmaterialien für Grafiksammlung in neutraler Umgebung

Die Umgebung spielt ebenfalls eine entscheidende Rolle. Ideal sind eine konstante Temperatur von 18-20°C und eine relative Luftfeuchtigkeit von 45-55%. Keller oder Dachböden mit ihren schwankenden Bedingungen sind die denkbar schlechtesten Orte für die Lagerung von Kunst auf Papier. Die Investition in hochwertige Archivmaterialien ist im Vergleich zum potenziellen Wertverlust durch unsachgemässe Lagerung minimal.

Ihre Checkliste für die säurefreie Archivierung

  1. Verwenden Sie nur Materialien mit DIN ISO 9706 Zertifizierung.
  2. Wählen Sie säurefreies, ligninfreies und gepuffertes Archivpapier.
  3. Legen Sie zwischen jede Grafik eine Zwischenlage aus säurefreiem Seidenpapier.
  4. Nutzen Sie Archivmappen oder -kartons in passender Grösse.
  5. Für übergrosse Grafiken: Rollen Sie mit säurefreiem Seidenpapier, niemals knicken.
  6. Lagern Sie bei 18-20°C und 45-55% relativer Luftfeuchtigkeit.
  7. Vermeiden Sie direkten Bodenkontakt der Lagerboxen.

Künstlerexemplar (E.A.) vs. Nummerierte Auflage: Was ist wirklich wertvoller?

Für Anfänger ist die Welt der Auflagenbezeichnungen oft verwirrend. Neben der bekannten Nummerierung wie „25/100“ tauchen Kürzel wie „E.A.“ oder „H.C.“ auf. Diese Bezeichnungen sind keineswegs zweitrangig; sie definieren den Status des Drucks und können seinen Wert erheblich beeinflussen. Eine Originalgrafik existiert per Definition in einer limitierten, vom Künstler autorisierten Auflage. Ein Poster hingegen wird in unlimitierter Stückzahl reproduziert. Allein dieser Umstand der künstlichen Verknappung ist ein zentraler Werttreiber, was sich in Auktionsergebnissen widerspiegelt, bei denen eine einzige Farblithographie von Käthe Kollwitz 155.000 Euro erzielen konnte.

Das Kürzel „E.A.“ oder „É.A.“ steht für „Épreuve d’artiste“, das Künstlerexemplar. Dies sind Abzüge ausserhalb der nummerierten Auflage, die für den Künstler persönlich bestimmt sind. Traditionell gelten sie als besonders begehrenswert, da sie oft von exzellenter Druckqualität sind und als die dem Künstler am nächsten stehenden Exemplare angesehen werden. Ihr Anteil übersteigt selten 10-15% der Hauptauflage. „H.C.“ (Hors Commerce) sind Exemplare „ausserhalb des Handels“, die für den Verleger oder Drucker bestimmt waren. Auch sie sind selten und auf dem Markt oft ähnlich hoch bewertet wie E.A.-Exemplare.

Die folgende Tabelle gibt einen Überblick über die gängigsten Bezeichnungen und ihre Bedeutung für den Marktwert, basierend auf der Expertise von Auktionshäusern wie Ketterer Kunst.

Vergleich verschiedener Auflagenbezeichnungen
Bezeichnung Bedeutung Typische Auflage Marktwert
E.A./É.A. Épreuve d’artiste (Künstlerexemplar) 5-10% der Auflage Oft 10-20% über nummerierter Auflage
1/100 Nummerierte Auflage Festgelegte Anzahl Basis-Marktwert
H.C. Hors Commerce Wenige Exemplare Ähnlich E.A.
Probedruck Arbeitszustand Sehr selten Sammlerabhängig

Während ein nummerierter Druck den Standardwert darstellt, kann ein Künstlerexemplar (E.A.) oft einen signifikanten Preisaufschlag erzielen. Für Sammler ist es daher wichtig, diese Kürzel zu verstehen und ihre relative Seltenheit im Kontext der Gesamtauflage einzuschätzen.

Das Risiko von nicht säurefreien Passepartouts für den Wert Ihrer Grafik

Eines der heimtückischsten und am häufigsten übersehenen Risiken für eine Grafik ist das Passepartout, in das sie gerahmt ist. Ein Passepartout aus herkömmlichem, säurehaltigem Karton stellt eine regelrechte chemische Zeitbombe dar. Über Jahre hinweg wandern die Säuremoleküle aus dem Karton in das Papier des Kunstwerks. Dieser Prozess, der durch Licht und Feuchtigkeit beschleunigt wird, führt zu einer charakteristischen, irreversiblen Verfärbung: dem sogenannten Passepartoutbrand.

Dieser „Brand“ zeigt sich als hässlicher, bräunlich-gelber Rand entlang der Schnittkante des Passepartouts auf der Grafik. Er ist nicht nur ein ästhetisches Problem, sondern ein handfester Wertminderer. Der Schaden ist ein klares Indiz für eine unsachgemässe Behandlung und Lagerung in der Vergangenheit. Selbst wenn die Grafik ansonsten in gutem Zustand ist, wird ein Sammler oder Händler den Preis aufgrund dieses Mangels erheblich drücken.

Schadensbild: Der Passepartoutbrand

Der typische Passepartoutbrand zeigt sich als bräunlich-gelbe Verfärbung entlang der Passepartoutkanten auf dem Kunstwerk. Diese chemische Reaktion zwischen säurehaltigem Karton und dem Papier der Grafik ist irreversibel und mindert den Wert erheblich. Professionelle Restauratoren können die Verfärbung teilweise reduzieren, aber die ursprüngliche Qualität ist, wie von Experten bei marera-conservation bestätigt, nicht vollständig wiederherstellbar.

Beim Kauf einer bereits gerahmten Grafik ist es daher essenziell, den Zustand des Papiers unter dem Passepartout zu prüfen, sofern dies möglich ist. Für die eigenen Kunstwerke gilt: Investieren Sie immer in Passepartouts aus Museumskarton. Diese sind säurefrei, gepuffert und alterungsbeständig und stellen sicher, dass Ihre Kunst nicht langsam von innen heraus zerstört wird.

Wie erkennen Sie mit der Lupe, ob der Strich gezeichnet oder gedruckt ist?

Dies ist die entscheidende Frage und der Moment, in dem der angehende Sammler zum Detektiv wird. Die Antwort liegt nicht auf, sondern *in* der Papieroberfläche. Ein hochwertiges Vergrösserungsglas oder eine Juwelierlupe ist hierfür Ihr wichtigstes Werkzeug. Der fundamentale Unterschied zwischen einer Massenreproduktion (Poster) und den meisten Originalgrafiken liegt in der Art, wie die Farbe auf das Papier gelangt.

Ein Poster wird fast immer im Offsetdruck hergestellt. Unter der Lupe offenbart dieser Prozess ein sehr regelmässiges Muster aus winzigen, runden Punkten in den Grundfarben (Cyan, Magenta, Gelb, Schwarz), die zusammen den Farbeindruck erzeugen. Selbst schwarze Linien sind oft aus diesen farbigen Punkten zusammengesetzt. Dieses mechanische, unpersönliche Raster ist das untrügliche Zeichen einer Massenproduktion.

Makroaufnahme verschiedener Drucktechniken unter Vergrösserung

Eine Originalgrafik, sei es eine Radierung, ein Holzschnitt oder eine Lithografie, zeigt ein völlig anderes Bild. Bei einer Radierung wird die Farbe aus den vertieften Linien der Druckplatte auf das Papier gepresst, was oft zu einem leichten Relief (Quetschrand) an den Rändern des Strichs führt. Ein gezeichneter Strich (z.B. mit Tusche oder Bleistift) zeigt unter der Lupe, wie das Pigment in die Papierfasern eingesunken ist, oft mit unregelmässigen Kanten und variierender Dichte. Sie erkennen die individuelle Handschrift, die physikalische Interaktion von Werkzeug, Farbe und Papier. Diese materielle Evidenz ist fälschungssicherer als jede Signatur.

Wie stellen Sie Aquarelle von Macke aus, ohne dass die Farben verblassen?

Aquarelle sind aufgrund ihrer transparenten und dünn aufgetragenen Farbschichten besonders lichtempfindlich. Die Werke von Künstlern wie August Macke, berühmt für ihre leuchtende Farbigkeit, sind daher extrem gefährdet. Um diese Kostbarkeiten zu schützen, gelten im Museumsbereich strenge Regeln, die auch für Privatsammler als Goldstandard dienen sollten. Die wichtigste Regel betrifft die Beleuchtungsstärke: Für extrem empfindliche Arbeiten auf Papier wie Aquarelle gilt ein Grenzwert von maximal 50 Lux Beleuchtungsstärke. Zum Vergleich: Ein sonniger Raum kann leicht mehrere tausend Lux erreichen.

Die Platzierung ist ebenso entscheidend. Ein Aquarell sollte niemals an einer Wand hängen, die direktes oder sogar indirektes Sonnenlicht erhält. Auch die Art der künstlichen Beleuchtung spielt eine Rolle. Moderne LED-Strahler sind Halogenlampen vorzuziehen, da sie einen deutlich geringeren UV-Anteil haben. Den ultimativen Schutz bietet jedoch die Verglasung. Spezielles Museumsglas mit einem UV-Filter von über 99% ist eine absolut notwendige Investition für jedes wertvolle Aquarell. Es reduziert den schädlichsten Teil des Lichtspektrums drastisch, ohne die Farbwahrnehmung zu beeinträchtigen.

Für den Schutz empfindlicher Aquarelle gelten folgende Massnahmen als essenziell:

  • Verwenden Sie UV-Schutzglas mit mindestens 99% UV-Filter.
  • Positionieren Sie Werke niemals gegenüber von Fenstern.
  • Nutzen Sie LED-Beleuchtung statt Halogen (weniger UV-Anteil).
  • Installieren Sie dimmbares Licht mit maximal 50-150 Lux.
  • Rotieren Sie empfindliche Werke alle 3-6 Monate, um die Lichtexposition zu verteilen.
  • Verwenden Sie stets Museumskarton als Passepartout und Rückwand.

Das Wichtigste in Kürze

  • Die wahre Echtheit einer Grafik offenbart sich unter der Lupe: Suchen Sie nach der Interaktion der Farbe mit der Papierfaser, nicht nach perfekten Punktrastern.
  • Die Werterhaltung ist ein aktiver Prozess: Säurefreie Materialien und UV-Schutz sind keine Optionen, sondern Notwendigkeiten, um den chemischen Verfall zu stoppen.
  • Die Auflagenbezeichnung ist ein Code, der den Wert mitbestimmt: Ein Künstlerexemplar (E.A.) ist aufgrund seiner Seltenheit und Künstlernähe oft wertvoller als ein nummerierter Druck.

Warum werden Zeichnungen am Kunstmarkt unterschätzt und wie erkennen Sie Potenzial?

Nachdem Sie gelernt haben, Ihr Auge für Qualität und Echtheit zu schulen, eröffnet sich ein neues, oft unterschätztes Feld für Sammler: die Zeichnung. Lange Zeit als blosse Vorstudie oder Skizze abgetan, hat die Zeichnung am Kunstmarkt eine enorme Aufwertung erfahren. Künstler wie Joseph Beuys revolutionierten die Wahrnehmung, indem sie die Zeichnung als eigenständiges, finales Kunstwerk etablierten. Seine Arbeiten auf Papier, oft mit unkonventionellen Materialien, erreichen heute Spitzenpreise und haben eine neue Generation von Sammlern für das Medium sensibilisiert.

Das Potenzial liegt oft in der Unmittelbarkeit und Intimität des Mediums. Eine Zeichnung ist der direkteste Ausdruck der künstlerischen Idee, unvermittelt und spontan. Hierin liegt ihre Faszination und ihr wachsender Wert. Besonders Zeichnungen bekannter deutscher Expressionisten wie Georg Baselitz oder A.R. Penck zeigen in den letzten Jahren deutliche Wertsteigerungen, besonders wenn sie als Vorstudien zu bekannten Gemälden identifiziert werden können. Sie bieten einen Einblick in den kreativen Prozess, den ein fertiges Gemälde nicht immer gewährt.

Um Potenzial zu erkennen, sollten Sie auf mehrere Faktoren achten: die Provenienz (die lückenlose Geschichte der Besitzverhältnisse), den Zustand des Papiers und die Bedeutung der Zeichnung im Gesamtwerk des Künstlers. Eine Skizze, die eine Schlüsselidee für ein berühmtes späteres Werk darstellt, ist oft wertvoller als eine technisch perfekte, aber isolierte Arbeit. Der Markt für Zeichnungen ist subtiler und erfordert mehr Recherche, bietet aber für den informierten Sammler erhebliche Chancen, da die Einstiegspreise oft noch unter denen für Gemälde desselben Künstlers liegen.

Mit diesem Wissen ausgestattet, sind Sie nicht länger ein passiver Konsument, sondern ein aktiver Teilnehmer am Kunstmarkt. Ihre Fähigkeit, die materielle Qualität zu beurteilen, gibt Ihnen das Vertrauen, echte Werte zu erkennen und Ihre Sammlung bewusst und mit Freude aufzubauen.

Geschrieben von Sophie Lichtenstein, Kunsthistorikerin (M.A.) und Art Consultant, spezialisiert auf den Aufbau zeitgenössischer Sammlungen und den Sekundärmarkt. 15 Jahre Erfahrung im Galerie- und Auktionswesen.