Veröffentlicht am März 15, 2024

Die Transformation Ihrer Bibliothek zum „Dritten Ort“ gelingt nicht durch das Hinzufügen von Cafés, sondern durch die bewusste Gestaltung von Koexistenz.

  • Der Kernkonflikt zwischen Ruhe und Lärm wird durch intelligente akustische Zonierung gelöst, nicht durch Verbote.
  • Das Personal entwickelt sich vom Medienverwalter zum „Community Librarian“, der aktiv soziale Prozesse moderiert.
  • Digitale und physische Angebote werden nicht mehr nur bereitgestellt, sondern kuratiert, um gezielt neue Nutzergruppen anzusprechen.

Empfehlung: Betrachten Sie Ihre Bibliothek als soziales Ökosystem, dessen Wert in der Qualität der Begegnungen liegt, und investieren Sie gezielt in die Architektur der Übergänge und die Kompetenzen Ihres Teams.

Die Vorstellung einer Bibliothek ist für viele noch immer geprägt von einer fast sakralen Stille, dem leisen Rascheln von Papier und gedämpften Schritten auf Linoleum. Dieses Bild, so nostalgisch es sein mag, entspricht immer weniger der Realität und den Bedürfnissen einer modernen Stadtgesellschaft. Angesichts sinkender Ausleihzahlen stehen Bibliotheksleiter vor der Herausforderung, ihre Häuser neu zu erfinden. Es reicht nicht mehr, nur Bücher bereitzustellen. Die Bibliothek der Zukunft ist ein „Dritter Ort“ – ein lebendiger, sozialer Treffpunkt neben dem Zuhause und der Arbeit.

Die naheliegenden Lösungen – ein Café zu integrieren, gemütliche Sofas aufzustellen oder Veranstaltungen zu planen – kratzen oft nur an der Oberfläche. Sie adressieren nicht den fundamentalen Widerspruch, der in der DNA jeder Bibliothek verankert ist: die Koexistenz von Konzentration und Kommunikation, von Ruhe und Lärm. Die eigentliche Frage ist nicht, *ob* eine Bibliothek sozialer werden soll, sondern *wie* sie diese Transformation gestaltet, ohne ihre Kernidentität als Ort des Wissens und der Kontemplation zu verraten. Der Schlüssel liegt nicht im Hinzufügen von Elementen, sondern in einer visionären, soziologischen Neugestaltung des Raumes und der Rollen.

Doch wie gelingt dieser Spagat? Die Antwort liegt in der bewussten Gestaltung von Übergängen, der aktiven Moderation von Nutzungskonflikten und der Entwicklung neuer Kompetenzen. Statt Mauern zu errichten, müssen wir eine Architektur der Schwellen schaffen, die unterschiedliche Atmosphären und Bedürfnisse nicht nur voneinander trennt, sondern intelligent miteinander verbindet. Dieser Artikel skizziert einen strategischen Fahrplan, der über die üblichen Ratschläge hinausgeht und Ihnen zeigt, wie Sie durch gezielte Massnahmen in Akustik, Personalentwicklung und Angebotskuration Ihre Bibliothek zu einem unverzichtbaren sozialen Anker in Ihrer Kommune machen – einem Ort, an dem sowohl der stille Leser als auch die laute Lerngruppe ihren Platz finden.

Für alle, die einen visuellen Einstieg bevorzugen, gibt der folgende Imagefilm einen inspirierenden Einblick in die vielfältigen Rollen und die menschliche Dimension moderner Bibliotheksarbeit in Deutschland.

In den folgenden Abschnitten werden wir die strategischen Hebel für diese Transformation im Detail beleuchten. Von technischen Lösungen für Raumakustik über rechtliche Rahmenbedingungen bis hin zur Neudefinition des bibliothekarischen Berufsbildes erhalten Sie einen umfassenden Überblick über die Herausforderungen und Potenziale.

Akustik im Open Space: Wie trennen Sie Makerspace und Lesesaal effektiv?

Die grösste Hürde auf dem Weg zum Dritten Ort ist physischer Natur: der Schall. Ein lauter Makerspace mit 3D-Druckern neben einem stillen Lesesaal scheint ein unlösbarer Widerspruch. Die Lösung liegt jedoch nicht in starren Wänden, sondern in einer intelligenten akustischen Zonierung. Anstatt Räume hermetisch abzuriegeln, werden Zonen mit unterschiedlichen akustischen Qualitäten geschaffen, die durch Pufferzonen – wie Gänge, Regalsysteme oder Loungebereiche – voneinander getrennt sind. Diese „Schwellenarchitektur“ signalisiert den Nutzern intuitiv den Übergang von einer kommunikativen zu einer konzentrierten Atmosphäre.

Die technische Grundlage hierfür ist eine sorgfältige raumakustische Planung. Materialien spielen dabei die entscheidende Rolle. Schallharte Oberflächen wie Glas und Beton reflektieren den Schall und erzeugen Hall, während poröse Materialien wie Akustikpaneele, Filz, Teppiche oder sogar gut gefüllte Bücherregale den Schall absorbieren. Die strategische Platzierung dieser Absorber ist entscheidend. Anstatt nur die Decke zu verkleiden, sollten Absorptionsflächen an Wänden und sogar in Form von mobilen Trennwänden oder speziellen Möbeln integriert werden, um die Schallausbreitung gezielt zu steuern. Die deutsche Normung gibt hierfür klare Richtwerte vor: So müssen Bibliotheken laut der deutschen Norm DIN 18041 ein Verhältnis von äquivalenter Schallabsorptionsfläche zum Raumvolumen von mindestens 0,20 aufweisen, um eine angemessene Hörsamkeit zu gewährleisten.

Die effektivste akustische Trennung ist eine Kombination aus baulichen Massnahmen und sozialen Vereinbarungen. Ein „Akustik-Vertrag“, der in partizipativen Workshops mit verschiedenen Nutzergruppen entwickelt wird, kann klare Verhaltensregeln für die unterschiedlichen Zonen festlegen. So entsteht ein gemeinsames Verständnis und eine gegenseitige Rücksichtnahme, die weit über das hinausgeht, was bauliche Massnahmen allein bewirken können. Die Zonierung wird so von einer rein technischen zu einer sozial getragenen Lösung.

Ihr Aktionsplan für die akustische Zonenplanung

  1. Raumanalyse: Berechnen Sie das Raumvolumen und definieren Sie die verschiedenen Nutzungszonen (z.B. lauter Kommunikationsbereich, leiser Arbeitsbereich) gemäss der Raumgruppe B3 der DIN 18041.
  2. Absorptionsplanung: Planen Sie schallabsorbierende Flächen, die mindestens 20% des gesamten Raumvolumens ausmachen, um die Norm zu erfüllen und die Nachhallzeit effektiv zu reduzieren.
  3. Materialauswahl: Verteilen Sie akustisch wirksame Materialien wie Holzwolle-Leichtbauplatten (HWL), Filzverkleidungen, Akustiksegel oder spezielle Möbel strategisch im Raum, insbesondere an Decken und Wänden.
  4. Partizipation: Führen Sie Workshops mit verschiedenen Nutzergruppen durch, um einen gemeinsamen „Akustik-Vertrag“ zu erarbeiten und die Akzeptanz der Zonen zu erhöhen.
  5. Fördermittel: Stellen Sie Förderanträge für die akustische Sanierung bei Ihrem kommunalen Träger und verweisen Sie explizit auf die Notwendigkeit zur Erfüllung der DIN 18041 für Inklusion und Aufenthaltsqualität.

Warum Bibliotheken bei E-Books oft schlechtere Konditionen haben als Privatkäufer

Die Transformation zur sozialen Begegnungsstätte darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass der Kernauftrag der Bibliothek – der Zugang zu Medien – weiterhin zentral ist. Doch gerade im digitalen Raum stossen öffentliche Bibliotheken in Deutschland an absurde Grenzen. Während jeder Privatkunde ein E-Book mit einem Klick kaufen kann, sehen sich Bibliotheken mit einem Dschungel aus restriktiven Lizenzmodellen konfrontiert. Verlage verwehren Bibliotheken oft den direkten Erwerb von E-Book-Lizenzen oder knüpfen diesen an unverhältnismässig hohe Preise und nachteilige Bedingungen.

Dieses Phänomen, bekannt als E-Lending-Problem, untergräbt den öffentlichen Bildungsauftrag. Ein zentrales Ärgernis sind die sogenannten „Windowing“-Klauseln. Bestseller sind oft monatelang ausschliesslich für den Privatmarkt verfügbar, bevor Bibliotheken eine Lizenz erwerben dürfen. Wenn sie dann verfügbar sind, sind die Lizenzen oft zeitlich oder auf eine bestimmte Anzahl von Ausleihen begrenzt, was zu absurden Situationen führt: Ein digitales „Buch“ ist „vergriffen“ und hat lange Wartelisten, obwohl es technisch unendlich oft kopierbar wäre. Diese künstliche Verknappung steht im krassen Gegensatz zum Prinzip des barrierefreien Zugangs.

Visualisierung der komplexen Lizenzierungskette zwischen Verlagen und Bibliotheken

Die rechtlichen Hürden sind ein strukturelles Problem, das der Deutsche Bibliotheksverband seit Jahren anprangert. Wie eine vom Verband dokumentierte Analyse der strukturellen Probleme zeigt, fehlt eine entscheidende rechtliche Grundlage: Im Gegensatz zum gedruckten Buch gibt es für die Ausleihe von E-Books keine Bibliothekstantieme. Autoren erhalten also keine Vergütung, wenn ihre digitalen Werke über Bibliotheken entliehen werden. Dieses Systemversagen führt dazu, dass Verlage das E-Lending als Bedrohung ihres Geschäftsmodells ansehen und entsprechend restriktiv agieren. Solange die Politik hier keine Gleichstellung von gedrucktem und digitalem Buch schafft, bleiben Bibliotheken im digitalen Raum Bürger zweiter Klasse.

Gaming und Gaming-Turniere in der Bibliothek: Wie erreichen Sie bildungsferne Jugendliche?

Eine der grössten Herausforderungen für Bibliotheken ist die Ansprache von Zielgruppen, die traditionell als „bildungsfern“ gelten, insbesondere Jugendliche. Während klassische Leseförderungsprogramme hier oft ins Leere laufen, bietet der Bereich Gaming ein enormes, ungenutztes Potenzial. Gaming ist nicht nur ein Freizeitvergnügen, sondern ein tief in der Jugendkultur verankertes soziales und kompetitives Phänomen. Indem Bibliotheken Gaming-Angebote schaffen, positionieren sie sich als relevante Orte im Lebensumfeld von Jugendlichen und öffnen die Tür für weiterführende Bildungsangebote.

Die Organisation von Gaming-Turnieren (z.B. für Spiele wie FIFA oder Mario Kart) kann als niedrigschwelliger „Türöffner“ fungieren. Solche Events schaffen eine lebendige, positive Atmosphäre und ziehen Jugendliche an, die sonst nie einen Fuss in die Bibliothek setzen würden. Der entscheidende strategische Schritt ist jedoch, Gaming nicht als reines Unterhaltungsangebot zu betrachten, sondern es gezielt mit der Vermittlung von Medienkompetenz zu verknüpfen. Dies kann durch begleitende Workshops zu Themen wie „Fairplay im Netz“, „Datenschutz in Online-Spielen“ oder sogar „Einstieg in die Spieleentwicklung“ geschehen. Die Bibliothek wird so vom Konsumort zum Produktions- und Reflexionsort.

Die Finanzierung solcher Projekte muss kein Hindernis sein. In Deutschland gibt es gezielte Förderprogramme, die Bibliotheken bei dieser Aufgabe unterstützen. Ein herausragendes Beispiel ist das Programm „Kultur macht stark. Bündnisse für Bildung“ des Bundesministeriums für Bildung und Forschung. Bibliotheken können hier in lokalen Bündnissen – beispielsweise mit Schulen, Jugendzentren oder Medienzentren – Anträge für Projekte stellen, die kulturelle Bildung für Kinder und Jugendliche aus Risikolagen fördern. Die Einbindung von Gaming-Projekten ist hier explizit erwünscht und bietet eine exzellente Möglichkeit, finanzielle Mittel für die technische Ausstattung und personelle Begleitung zu akquirieren. Laut den Richtlinien des Deutschen Bibliotheksverbands für das Teilprogramm „Gemeinsam digital!“ ist die Bildung eines Bündnisses aus mindestens drei lokalen Partnern eine Kernvoraussetzung für die Antragstellung.

Der politische Kampf um die Sonntagsöffnung: Welche arbeitsrechtlichen Hürden bestehen?

Ein entscheidender Faktor für die Etablierung einer Bibliothek als Dritter Ort ist ihre Verfügbarkeit. Gerade der Sonntag, an dem die meisten Menschen Freizeit haben, wäre der ideale Tag für einen Bibliotheksbesuch mit der Familie, zum Lernen oder zur Begegnung. Doch während Museen, Theater und Kinos selbstverständlich sonntags geöffnet haben, stehen Bibliotheken in Deutschland vor massiven rechtlichen und politischen Hürden. Das Arbeitszeitgesetz (ArbZG) verbietet grundsätzlich die Sonn- und Feiertagsarbeit und lässt nur wenige Ausnahmen zu, unter denen Bibliotheken oft nicht explizit genannt werden.

Trotz grosser Nachfrage der Nutzer*innen dürfen Bibliotheken im Gegensatz zu anderen Kultureinrichtungen an Sonn- und Feiertagen nicht öffnen.

– Deutscher Bibliotheksverband, Positionspapier zur Sonntagsöffnung

Dieser politische Kampf um die Sonntagsöffnung wird von Bibliotheksverbänden seit Jahren geführt. Sie argumentieren, dass Bibliotheken als moderne Kultureinrichtungen den Museen gleichgestellt werden müssen. Die Gewerkschaften, insbesondere ver.di, stehen einer generellen Aufweichung des Sonntagsschutzes jedoch kritisch gegenüber und verweisen auf den Schutz der Arbeitnehmer. In diesem Spannungsfeld haben sich verschiedene Modelle entwickelt, um Sonntagsöffnungen dennoch zu ermöglichen, die jeweils unterschiedliche rechtliche und finanzielle Implikationen haben.

Die folgende Übersicht, basierend auf einer Analyse des Deutschen Bibliotheksverbands zu rechtlichen Modellen, zeigt die gängigsten Ansätze in deutschen Bibliotheken.

Rechtliche Modelle für Sonntagsöffnungen in deutschen Bibliotheken
Modell Rechtliche Grundlage Beispiel-Bibliothek Personalkosten
Open Library Personalfreier Betrieb gemäss Ausnahmen im ArbZG Diverse Kommunalbibliotheken Keine
Freiwilligen-Modell Ehrenamtliche ausserhalb ArbZG Kleinere Stadtbibliotheken Aufwandsentschädigung
Sondertarifvertrag Vereinbarung mit ver.di ZLB Berlin Sonntagszuschläge 50-100%
Kultureinrichtungs-Status Gleichstellung mit Museen Stadtbibliothek Stuttgart Reguläre Zuschläge

Die Wahl des richtigen Modells hängt stark von der lokalen politischen Situation, der Grösse der Bibliothek und den tarifvertraglichen Gegebenheiten ab. Die „Open Library“, ein personalfreier Betrieb mit Zugang per Chipkarte, ist oft der pragmatischste Weg, um die rechtlichen Hürden zu umgehen, schafft aber keinen sozialen Begegnungsort im engeren Sinne. Eine echte Sonntagsöffnung mit Personal bleibt ein politisches Ziel, das strategische Verhandlungen mit der Kommune und den Gewerkschaften erfordert.

Umgang mit schwierigem Klientel: Wie schulen Sie Personal im Deeskalationsmanagement?

Wenn eine Bibliothek ihre Türen weiter öffnet und zu einem niedrigschwelligen sozialen Raum wird, zieht sie unweigerlich ein breiteres und diverseres Publikum an. Dies schliesst auch Menschen in schwierigen Lebenslagen, Wohnungslose, psychisch auffällige Personen oder konfliktbereite Gruppen mit ein. Diese Öffnung ist gesellschaftlich wertvoll, stellt das Bibliothekspersonal aber vor enorme Herausforderungen. Der klassische Bibliothekar ist für Medienverwaltung ausgebildet, nicht für Sozialarbeit. Der proaktive Umgang mit diesem Nutzungskonflikt ist entscheidend für das Gelingen des Dritten Ortes.

Die wichtigste Massnahme ist die Professionalisierung des Personals durch gezielte Schulungen im Deeskalationsmanagement. Mitarbeiter müssen lernen, Konfliktsituationen frühzeitig zu erkennen, verbale und nonverbale Signale richtig zu deuten und durch gezielte Kommunikationstechniken zu entschärfen. Es geht darum, Sicherheit und Selbstvertrauen im Umgang mit Aggression, Verwirrung oder Regelverstössen zu vermitteln, ohne dabei eine konfrontative oder ausgrenzende Haltung einzunehmen. Das Ziel ist immer, die Würde aller Beteiligten zu wahren und die Bibliothek als sicheren Ort für alle zu erhalten.

Bibliothekspersonal in einer Deeskalations-Trainingssituation

Dieser Wandel führt zur Entwicklung eines neuen Berufsprofils, das über die traditionellen Aufgaben hinausgeht. Es ist die Geburtsstunde des „Community Librarian“.

Fallbeispiel: Die Entwicklung vom Bibliothekar zum Community Librarian

Wie eine Befragung unter Leitungen öffentlicher Bibliotheken in Deutschland zeigt, entwickeln viele Häuser ihre Mitarbeiter proaktiv weiter. Der klassische Fachangestellte für Medien- und Informationsdienste (FaMI) erhält Fortbildungen in sozialer Arbeit, Konfliktmanagement und interkultureller Kommunikation. Diese neuen „Community Librarians“ agieren als aktive Moderatoren des sozialen Raums. Sie bauen Netzwerke auf und etablieren feste Sprechstunden mit Partnern wie Sozialämtern, der Bahnhofsmission oder Streetworkern direkt in der Bibliothek. Das Haus wird so zur proaktiven Anlaufstelle und zum integralen Bestandteil des kommunalen sozialen Netzes.

Wie bringen Sie Hotel-Concierges dazu, Ihren Club zu empfehlen?

Auf den ersten Blick scheint diese Frage aus der Welt des Nachtlebens nichts mit einer öffentlichen Bibliothek zu tun zu haben. Doch bei genauerer Betrachtung offenbart sie eine kraftvolle Metapher für die zukünftige Rolle der Bibliothek. Was ist die Kernfunktion eines exzellenten Hotel-Concierges? Er ist ein Kurator von Erlebnissen. Er verkauft keinen Zutritt, sondern empfiehlt basierend auf den Wünschen und Bedürfnissen des Gastes die passende Erfahrung – sei es ein Restaurant, eine Ausstellung oder eine Tour. Er ist ein vertrauenswürdiger Wegweiser durch die Komplexität der Stadt.

Genau diese Rolle muss die moderne Bibliothek für ihre Bürger einnehmen. Sie wird zum „Concierge der Gemeinschaft“. In einer Welt des Informationsüberflusses ist der reine Zugang zu Informationen nicht mehr der entscheidende Mehrwert. Der Wert liegt in der gezielten Kuration und Vermittlung. Der Community Librarian empfiehlt nicht nur Bücher, sondern auch den passenden Workshop im Makerspace, das richtige E-Learning-Angebot für die Jobsuche oder das Gaming-Turnier, das den Interessen eines Jugendlichen entspricht. Er kennt sein „Angebot“ – die gesamte Vielfalt der Bibliothek – und die „Gäste“ – die Bürger mit ihren heterogenen Bedürfnissen.

Um wie ein Concierge agieren zu können, muss die Bibliothek ihre „Empfehlungsqualität“ schärfen. Das bedeutet, aktiv auf die Menschen zuzugehen, ihre Bedürfnisse im Gespräch zu ergründen und proaktiv massgeschneiderte Vorschläge zu machen. Es bedeutet auch, Partnerschaften mit anderen „Concierges“ der Stadt aufzubauen – mit Lehrern, Sozialarbeitern, Mitarbeitern der Touristeninformation oder eben auch Hotel-Concierges. Warum sollte ein Concierge einem Touristen nicht einen Besuch in der architektonisch beeindruckenden Stadtbibliothek mit ihrer Dachterrasse und ihrem Café empfehlen? Die Bibliothek muss sich als erstklassiges städtisches Erlebnis begreifen und vermarkten.

Ist Ihre Website bereit für das Barrierefreiheitsstärkungsgesetz 2025?

Die Transformation zu einem offenen und inklusiven Dritten Ort darf nicht an der physischen Eingangstür enden. Die digitale Präsenz der Bibliothek – ihre Website und ihre Apps – ist oft der erste Kontaktpunkt für Nutzer. Wenn dieser digitale Eingang voller Barrieren ist, wird die Botschaft der Offenheit untergraben. In Deutschland gewinnt dieses Thema durch das Barrierefreiheitsstärkungsgesetz (BFSG) eine neue, rechtliche Dringlichkeit. Ab dem 28. Juni 2025 müssen die meisten digitalen Produkte und Dienstleistungen, die für Verbraucher angeboten werden, barrierefrei sein. Dies gilt auch für die Websites und mobilen Anwendungen öffentlicher Bibliotheken.

Barrierefreiheit im digitalen Raum ist weit mehr als nur eine technische Anforderung. Sie ist der direkte Ausdruck des Inklusionsgedankens. Konkret bedeutet die Umsetzung des BFSG, dass die Website für alle Menschen wahrnehmbar, bedienbar, verständlich und robust sein muss. Dazu gehören unter anderem:

  • Alternative Texte für Bilder: Damit Screenreader-Nutzer verstehen können, was auf Bildern zu sehen ist.
  • Untertitel für Videos: Für gehörlose oder schwerhörige Menschen.
  • Eine klare und konsistente Navigation: Um Menschen mit kognitiven Einschränkungen die Orientierung zu erleichtern.
  • Ausreichende Farbkontraste: Für sehbehinderte Nutzer.
  • Bedienbarkeit per Tastatur: Für Menschen, die keine Maus benutzen können.

Die Vorbereitung auf das BFSG ist eine strategische Aufgabe für jede Bibliotheksleitung. Es geht darum, ein Audit der bestehenden digitalen Angebote durchzuführen, die notwendigen Anpassungen zu planen und im Budget zu verankern. Dies ist nicht nur eine rechtliche Pflicht, sondern eine Chance, den eigenen Anspruch als inklusive Einrichtung glaubwürdig zu untermauern. Eine barrierefreie Website signalisiert: Jeder ist willkommen, sowohl im physischen als auch im digitalen Raum. Die digitale Permeabilität ist die logische Fortsetzung der sozialen Permeabilität des Gebäudes.

Das Wichtigste in Kürze

  • Die Lösung für den Konflikt zwischen Lärm und Ruhe ist nicht Trennung, sondern eine architektonisch und sozial gestaltete Koexistenz durch akustische Zonierung.
  • Die Öffnung für neue, auch schwierige Zielgruppen erfordert eine Professionalisierung des Personals hin zum „Community Librarian“ mit Kompetenzen in Deeskalation und Sozialarbeit.
  • Die Rolle der Bibliothek wandelt sich vom reinen Medienversorger zum aktiven „Kurator“ von Wissen und Erlebnissen, der Angebote für spezifische Bedürfnisse zusammenstellt.

Wie selektieren Sie aus 70.000 Neuerscheinungen das Sortiment für Ihre unabhängige Buchhandlung?

Die Frage zielt auf unabhängige Buchhandlungen, doch ihr Kernproblem ist identisch mit der grössten strategischen Herausforderung moderner Bibliotheken: die Kunst der Kuration. In einer Zeit, in der allein auf dem deutschen Buchmarkt jährlich rund 70.000 Titel neu erscheinen – ganz zu schweigen von der Flut an digitalen Medien, Spielen und Filmen – ist die Vorstellung, Vollständigkeit anstreben zu können, eine Illusion. Die alte Maxime der Bibliothek als möglichst lückenloser Speicher des Wissens ist obsolet. Die neue Maxime lautet: Relevanz durch Auswahl.

Die Transformation zum Dritten Ort bedeutet auch eine Transformation des Bestandsmanagements. An die Stelle einer passiven Sammeltätigkeit tritt ein aktiver, kuratorischer Prozess. Das bedeutet, Entscheidungen zu treffen: Was kaufen wir ein, und – noch wichtiger – warum? Für welche Zielgruppe? Welchen lokalen Bezug hat es? Welche Debatte in unserer Stadt greift es auf? Die Auswahl des Sortiments wird zu einem Statement, zu einem Ausdruck der Identität und des gesellschaftlichen Auftrags der Bibliothek. Es geht nicht mehr darum, alles zu haben, sondern das Richtige für die eigene Community zu haben.

Dieser kuratorische Ansatz erstreckt sich auf alle Bereiche. Bei der Auswahl der Gaming-Titel für Jugendliche geht es nicht darum, die neuesten Blockbuster zu haben, sondern Spiele mit kooperativem Potenzial oder narrativem Tiefgang. Im Makerspace werden nicht alle denkbaren Geräte angeschafft, sondern jene, die zu den lokalen Handwerkstraditionen oder den Bedürfnissen der Startup-Szene passen. Die Auswahl von E-Books orientiert sich nicht nur an Bestsellerlisten, sondern auch an den Lehrplänen der örtlichen Schulen. Jede Anschaffung ist eine strategische Investition in eine bestimmte Zielgruppe und ein bestimmtes soziales Ziel. Warum gehen Menschen heute in die Bibliothek? Immer seltener, um ein spezifisches, bekanntes Buch zu finden, sondern immer häufiger, um sich inspirieren zu lassen, um etwas Neues zu entdecken.

Indem Sie Ihre Bibliothek als einen kuratierten Raum verstehen, dessen Wert in der Relevanz seiner Auswahl und der Qualität seiner Empfehlungen liegt, vollenden Sie die Transformation. Beginnen Sie noch heute damit, Ihr Angebot nicht als Sammlung, sondern als eine sorgfältig zusammengestellte Einladung an Ihre Gemeinschaft zu betrachten.

Geschrieben von Martin Klett, Buchhändler und Verlagsberater mit Schwerpunkt auf Sortimentsstrategie und Buchmarktlogistik. 12 Jahre Erfahrung im unabhängigen Buchhandel und Vertrieb.